Steht die 10-Point-Must-Wertung im olympischen Boxen vor dem Aus?

Die AIBA steht nach bestätigten Manipulationen unter Zugzwang

Nach den Olympischen Sommerspielen 2012 in London wurde im olympischen Boxen die »10-Point-Must-Wertung« eingeführt, die in sehr ähnlicher Weise bereits aus dem so genannten Profiboxen bekannt ist. Die AIBA-Weltmeisterschaften der Männer 2013 in der kasachischen Hauptstadt Almaty waren der erste große Wettbewerb der AIBA, bei dem Kämpfe des olympischen Boxens in dieser Weise bewertet wurden.

Nachdem der unlängst veröffentlichte McLaren-Report den Verdacht bestätigen konnte, dass Kampfurteile bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio manipuliert wurden, steht der Weltverband des olympischen Boxens AIBA nun unter Zugzwang, die Kampfurteile besser gegen Manipulationen abzusichern. In diesem Zusammenhang könnte demnächst eine abermalige Änderung der Wertungsweise bevorstehen. Jedenfalls machen entsprechende, aber noch unbestätigte Informationen die Runde.

Schließlich geht es für die AIBA um viel: Denn Zweifel an der Lauterkeit der Kampfurteile waren für das Internationale Olympische Komitee (IOC) zwar bei weitem nicht das einzige, aber doch ein sehr zentrales Argument für die Suspendierung der AIBA gewesen. Und eines scheint klar: Das IOC wird den Boxwettbewerb bei den Olympischen Spielen nicht ein zweites Mal anstelle der AIBA in eigener Verantwortung organisieren.

Wenn die AIBA das IOC jetzt nicht in diesem Punkt (aber auch in anderen kritisierten Aspekten) sehr zeitnah überzeugt, wird der Boxsport wahrscheinlich schon 2024 in Paris aus dem Programm der Olympischen Spiele gestrichen werden. Es sei denn, es gründet oder findet sich eine andere vertrauenswürdige Organisation, die anstelle der AIBA den Boxsport in der olympischen Familie vertreten darf.

Was kommen könnte

Die sich jetzt womöglich andeutenden Änderungen könnten dem Vernehmen nach darauf abzielen, dass Punktrichter*innen in Zukunft drei Kriterien einzeln und getrennt bewerten – und eben nicht mehr zu einem Gesamtergebnis vermengen, in dem nicht mehr erkennbar ist, welches Kriterium wie in das Ergebnis einfloss. Diese drei Kriterien sollen sein:

  1. Anzahl der Wirkungstreffer (»scoring punches«)
  2. Die Bewegung im Kampf (»movement«)
  3. Die Dominanz im Kampf (»control«)

Zudem, so hört man, sollen die Wertungen während der laufenden Runde abgegeben werden. Dies dürfte sich aber mit großer Wahrscheinlichkeit nur auf die Wirkungstreffer beziehen. Damit wäre zumindest in diesem Bereich wohl die »10-Point-Must-Wertung« Vergangenheit, die sinnvoll eigentlich nur am Rundenende abgegeben werden kann. Eine während der Runde vorzunehmende Wertung der Wirkungstreffer wäre wohl nur als eine zählende Wertung vorstellbar – ähnlich wie etwa Tore in einem Handballspiel gezählt werden.

Die Kriterien »Bewegung« und »Dominanz« sind hingegen rein quantitativ schlecht zu erfassen. Hier kommt es vielmehr auf eine qualitative Wertung an – mit allen Vorteilen und Gefahren einer subjektiven Sicht auf diese Kriterien. So subjektiv, wie wohl derselbe Schulaufsatz von unterschiedlichen Lehrer*innen oft auch unterschiedlich benotet werden dürfte. Hier könnte man sich fast noch die Beibehaltung der »10-Point-Must-Wertung« vorstellen, die am Ende einer Runde vorgenommen wird.

Wie diese drei unterschiedlichen Wertungskriterien (scoring punches, movement, control) transparent zu einem Gesamtergebnis zusammengeführt werden könnten, bleibt aktuell noch Spekulation. Auch für die Software des Boxpointers wäre es eine große Herausforderung. Können etwa gute Wertungen bei »movement« und »control« einen Vorsprung bei den »Wirkungstreffern« egalisieren? Oder würden sie als ein Hilfskriterium bei unentschieden gewerteten Runden herangezogen werden?

Alter Wein in neuen Schläuchen?

Auch bei aktuell angewendeten »10-Point-Must-Wertung« sollen nicht nur allein die Treffer zählen. In die Wertung fließen bereits jetzt schon ein:

  1. Die Anzahl der vorschriftsmäßig ausgeführten Wirkungstreffer.
    Ein Treffer muss mit der Handschuhvorderseite (weitgehend) unbehindert (also ohne von Verteidigungshandlungen wesentlich aufgehalten oder abgeschwächt zu werden) auf die erlaubte Trefferfläche des Gegners treffen (also Vorderseite des Körpers oberhalb einschließlich der Gürtellinie, ausschließlich der Arme). Dabei soll eine Wirkung zu sehen sein – im besten Fall durch Anzählen dokumentiert oder aber durch ein Zurückschnellen des Kopfes oder durch Schmerz. Bei Körpertreffern ist dies häufig weniger gut zu sehen, so dass hier eher aus der Ausführung des Schlages auf Wirkung geschlossen wird (z.B. sichtbarer Krafteinsatz durch Schrittmitnahme, Vorwärtsbewegung und Körperrotation).
  2. Die Komplexität der Angriffs- und Verteidigungshandlungen.
    Mehr Schläge in Angriffshandlungen sind besser als wenige Schläge. Verschiedene Schläge sind besser als nur stets derselbe Schlag. Ebenenwechsel sind besser als Angriffe auf nur einer Ebene. Akzentuierungen in Angriffen sind besser als immer gleichförmig vorgetragene Angriffe. Angriffsweiterführungen sind besser als isolierte, einzelne Angriffe. Wenn auch Paraden sowie Meid- und Ausweichbewegungen zu sehen sind, die bestenfalls noch mit sofortigen Antworthandlungen verbunden werden, ist das Verteidigungsrepertoire komplexer als wenn nur die Doppeldeckung eingesetzt wird.
  3. Die Dominanz im Ring.
    Wer in der Lage ist, Gegnern die eigene Strategie aufzuzwängen, ist im Vorteil. Dies äußert sich in Distanzkontrolle, Raumkontrolle, Kontrolle der Kampfhandlungen und der taktisch klugen Einteilung der Rundenzeiten. Oft – aber eben nicht immer – bedeutet das größere Anteile in der Ringmitte, größere Anteile an der Vorwärtsbewegung und eine höhere Schlagaktivität. Hier ist aber jeder boxerische Grundtyp mit seinen individuellen Strategien zu erkennen und gesondert zu beurteilen.

Also alter Wein in neuen Schläuchen? Nein, denn die Neuerung (so sie denn wirklich so kommen würde) bestünde darin, dass die leicht abgewandelten Kriterien (scoring punches, movement, control) nun von einander getrennt und nachweislich bewertet werden müssten. Dies würde Punkturteile in der Tat transparenter machen können.

Aktuell werden bei der »10-Point-Must-Wertung« die drei Bewertungskriterien für jede Runde im Kopf der Punktrichter*innen zu nur drei möglichen Punkturteilen verrechnet (10:9, 10:8 oder 10:7). Dies bedeutet eine Simplifizierung, die einen detaillierteren Blick auf die Entscheidungen der Punktricher*innen sehr erschwert – und Räume für Manipulationen öffnet.

IOC testete bereits alternative Wertungsweisen

Um Manipulationen bei den Punkturteilen vorzubeugen, testete die vom IOC eingesetzte »Boxing Task Force« (BTF) Ende Oktober 2019 bereits Alternativen zur umstrittenen »10-Point-Must-Wertung«. Bei einem international besetzten Probeturnier im Vorfeld der Olympischen Spiele (Link öffnet neues Browserfenster) in Tokyo waren neuartige Bedienterminals zu sehen, in die wohl im laufenden Kampf Wertungen eingegeben wurden (s. Bild unten).

Offenbar war man mit dem Konzept oder aber mit der Technik nicht zufrieden. Jedenfalls wurden die ebenfalls dann später von der BTF ausgerichteten kontinentalen Qualifikationswettbewerbe sowie das olympische Turnier selbst ganz klassisch mit der »10-Point-Must-Wertung« und der bekannten Software von Swiss Timing durchgeführt. Statt neue Wertungsweisen einzuführen und neue, noch nicht hinlänglich erprobte Technik einzusetzen schwor man lieber die sorgfältig ausgewählten (AIBA-)Kampfrichter*innen auf faire Wertungen ein.

Beim Test-Turnier des IOC kamen neuartige, noch etwas grobschlächtig wirkende Bedienterminals für die Punktrichter zum Einsatz. Später griff auch die »Boxing Task Force« des IOC wieder auf die herkömmliche Technik von Swiss Timing zurück.

Überwiegend entscheiden die Punktrichter die Kämpfe

Bei den Weltmeisterschaften der Männer 2019 in Russland waren 332 Prozent der 357 Entscheidungen Punkturteile (entspricht 93 Prozent, siehe Abb. unten). Vorzeitig (also durch die Ringrichter*innen) wurden in diesem Turnier nur wenige Kämpfe entschieden: In insgesamt 357 Kämpfen gab es lediglich viermal ein KO, dreizehn Mal ein RSC (Abbruch wegen Unterlegenheit) und nur einmal ein Abbruch wegen Verletzung (RSC-I). Bei anderen Turnieren im olympischen Boxen sieht es ähnlich aus.

Die immer ganz eindeutigen und nahezu unbezweifelbaren Kampfentscheidungen wie ein KO oder ein Abbruch durch Verletzung sind im olympischen Boxen sehr selten. Sogar umso seltener, je höher- und gleichwertiger die Turniere besetzt sind (zu den Hintergründen siehe Kasten unten).

Punktentscheidungen dürften also nicht nur wegen der Art ihres Zustandekommens, sondern im olympischen Boxen auch wegen ihrer Häufigkeit ein beliebtes Ziel von Manipulationsversuchen sein. Gerade auf internationaler Ebene, wo es um Einfluss in Kontinental- und Weltverbänden sowie um Geld und um nationales Prestige geht, muss mit gewisser Sorge auf diese intransparenteste aller Entscheidungsarten gesehen werden.

Abb. oben: Die Verteilung der 8 bei einem Turnier möglichen Kampfentscheidungen bei der Männer WM 2019 in Russland. Fast alle Kämpfe werden durch Punktwertungen (WP) entschieden.

Warum es so wenige KOs im olympischen Boxen gibt

Dass im olympischen Boxen – im Gegensatz zum so genannten Profiboxen – so wenig KOs vorkommen, hat nachvollziehbare Gründe:

  1. Zum einen gibt es kein von Managements und Verbänden betriebenes Matchmaking, bei dem Athlet*innen, deren Karrieren einen guten Verlauf nehmen soll, Aufbaugegner*innen zugewiesen bekommen. In solch arrangierten Kämpfen ist wegen der Unausgewogenheit der beiden Sportler*innen ein vorzeitiges Ende sehr wahrscheinlich. In den relevanten Turnieren des olympischen Boxens werden die Gegner*innen im Kern hingegen durch Auslosung bestimmt. Zu den Turnieren werden zudem nur die leistungsstärksten Sportler*innen der beteiligten nationalen Boxverbände gemeldet. Ein absichtliches Zusammenführen von leistungsstarken mit leistungsschwachen Sportler*innen ist damit ausgeschlossen. Der sportliche Vergleich findet i.d.R. deutlich öfter »auf Augenhöhe« statt, so dass KOs nicht so leicht zu erzielen sind.
  2. Zum anderen gehen die Kämpfe im olympischen Boxen über drei Runden (und nicht über bis zu 12 Runden wie im so genannten Profiboxen). Leistungsstarke und gut vorbereitete Boxer*innen sind über diese Kampfdistanz selbst bei dem hohen Tempo und der hohen Handlungsdichte im olympischen Boxen bis zum Schluss reaktionsschnell und handlungsfähig und können sich also noch verteidigen. So genannte stehende KOs, bei denen im Grunde kampfunfähige Boxer*innen im Kampf belassen werden, kommen im olympischen Boxen eigentlich nicht vor.
  3. Der Schutzgedanke steht im olympischen Boxen an erster Stelle. Kämpfe werden frühzeitiger abgebrochen, wenn Verletzungen drohen, eingetreten sind oder ein KO droht, weil ein/e Gegner*in in einer drückend überlegenen Position ist. Im so genannten Profiboxen sind aber gerade blutige Ringschlachten und KOs oft ein Garant für hohe Einschaltquoten und damit Einnahmen. Daher werden im Profiboxen Kämpfe oft noch fortgeführt, die im olympischen Boxen zum Schutz der Athlet*innen schon längst beendet worden wären.

Die Sponsoren der Boxabteilung des FC St. Pauli: