Der 2023 neu gegründete Weltverband des olympischen Boxens hat im März 2026 neun weitere Nationalverbände aufgenommen. Aus Ozeanien traten Niue, Papa Neuguinea und Tonga bei, aus Afrika Mozambique, Tansania und Sambia. Aus Europa schlossen sich Zypern, Weißrussland und Russland dem Weltverband an. Damit sind gegen Ende des ersten Quartals 2026 nun insgesamt 168 Verbände in World Boxing vertreten.
Beitritte von Russland und Weißrussland lassen aufhorchen
Obschon man sich an zuletzt an ein rasantes Wachstum des neuen Weltverbandes gewöhnt hatte, lassen die Beitritte Russlands und Weißrusslands aufhorchen. Denn World Boxing war nicht zuletzt als Gegenentwurf zum früheren Weltverband IBA (ehemals AIBA) entstanden – der unter der Präsidentschaft des Russen Umar Kremlev 2023 endgültig die Anerkennung durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) verloren hatte.
Das Zerwürfnis zwischen dem IOC und der IBA hat eine lange Geschichte. Einer der Tiefpunkte waren manipulierte Wettkampfentscheidung bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro. Aber auch die finanzielle Lage der IBA besorgte das IOC wie auch Verstöße gegen Grundsätze der Good Governance. Die Lage verschlechterte 2018 sich mit der Wahl des höchst umstrittenen Usbeken Gafur Rachimov zum Präsidenten des Verbandes, der sich an der Spitze des Verbandes jedoch nicht lange halten konnte. Ihm folgte 2019 als Interimspräsident Mohamed Moustahsane aus Marokko, der im Dezember schließlich von dem Russen Umar Kremlev abgelöst wurde. Kremlev, dem gute Verbindungen zum russischen Präsidenten Putin nachgesagt werden, steht der IBA bis zum heutigen Tag vor.
IBA wurde zuletzt als Instrument russischer Politik gesehen
Viele hatten in der IBA, die sich mit Geldern des russischen Staatskonzerns Gazprom aufwendig in Szene setzen konnte, am Ende nur noch ein Instrument russischer Außenpolitik gesehen. Der Verband zeigte sich dem IOC gegenüber wenig einsichtig und ließ es – in grandioser Fehleinschätzung der Verhältnisse – auf eine Machtprobe mit Lausanne ankommen, die er mit dem endgültigen Ausschluss aus der olympischen Familie im Sommer 2023 krachend verlor.
Als immer klarer erkennbar wurde, dass der Boxsport unter der IBA beim IOC keine Zukunft mehr haben würde, gründeten eine Handvoll von Nationalverbänden World Boxing, um die olympische Perspektive des Boxens zu retten. Nachvollziehbarerweise war der junge Weltverband bestrebt, sich in allem als ein Gegenentwurf zur krawalligen IBA zu präsentieren, die sich inzwischen auch im Profiboxen und in der Vermarktung von Bare-Knuckle-Kämpfen engagiert.
World Boxing konnte das Vertrauen des IOC gewinnen
Der Plan ging letztlich auf: World Boxing suchte von Beginn an den Kontakt zum IOC und wuchs (zunächst in kleinen, später in großen Schritten) beständig an. Im Februar 2025 erkannte das IOC World Boxing schließlich vorläufig an, im darauffolgenden Monat fiel auf der IOC-Session die Entscheidung, den Boxsport wieder in das Programm der Olympischen Sommerspiele 2028 in Los Angeles aufzunehmen.
Mit der wachsenden Größe des neuen Weltverbandes und vor allem mit seiner Anerkennung durch das IOC war klar, dass World Boxing in eine neue Phase seines Bestehens eintreten würde. Die familiäre Gründungsphase, in der ein paar »abtrünnige« Nationalverbände sich weitgehend einig sein konnten, etwas anderes und besseres als die IBA anzustreben, ist inzwischen Geschichte. Mit jetzt 168 Mitgliedsverbänden sitzen heute unvermeidlich viele mit am Tisch, die mit der russisch geleiteten IBA lange kein Problem hatten, ja, nicht selten sogar jetzt parallel immer noch der IBA angehören.
Russland wird sich Teilnahme in LA2028 sichern wollen
Es war auch erwartbar, dass früher oder später auch der russische Verband vor der Tür stehen würde – nur ist es jetzt eher früher als später passiert. Wahrscheinlich, um mit Blick auf die Olympischen Spiele 2028 einen halbwegs geordneten olympischen Zyklus planen und absolvieren zu können.
Vorsichtige Signale hatte es zuletzt auch vom IOC gegeben. Dessen neue Präsidentin Kirsty Coventry sagte im Rahmen der Eröffnung des zweiten Teils der 145. IOC-Session (Link öffnet neues Fenster) am 22. Februar 2026 in Mailand (Italien): »Während der gesamten Kampagne und in vielen unserer Gespräche seitdem habe ich von vielen von Ihnen dieselbe Botschaft gehört: Konzentrieren wir uns auf unser Kerngeschäft. Wir sind eine Sportorganisation. Wir verstehen die Politik und wissen, dass wir nicht im luftleeren Raum agieren. Aber unser Spielfeld ist der Sport. Das bedeutet, den Sport als neutralen Raum zu bewahren – einen Ort, an dem jeder Athlet frei antreten kann, ohne durch die Politik oder die Spaltungen seiner Regierung eingeschränkt zu werden.« Worte, die viele der Anwesenden auf Russland bezogen.
World Boxing steht vor Herausforderungen der gewachsenen Größe
World Boxing wird das schnelle Wachstum und vor allem der symbolträchtige Beitritt Russlands vor die Herausforderung stellen, auch langfristig einen erkennbaren Unterschied zur IBA zu wahren. Das russische Boxen gehört traditionell zur Weltspitze. Es wäre nicht überraschend, wenn sich diese Tatsache über kurz oder lang mit dem Anspruch verbinden würde, auch im neuen Verband ein gewichtiges Wort mitzureden. Nicht anders fasste Umar Kremlev damals in der AIBA (heute IBA) Fuß. Sein Schritt im Jahr 2020 ins Spitzenamt der AIBA war durch die Ausrichtung zweier gut organisierter Weltmeisterschaften strategisch gut vorbereitet (2019 WM der Männer im russischen Jekaterinburg und der Frauen im russischen Ulan-Ude).
Es scheint, als sei sich World Boxing der Herausforderung bewusst. Die Prüfungen von beitrittswilligen Verbänden auf ihre Integrität ist nach allem, was man hört, keine bloße Formsache. So mancher Beitritt verzögerte sich wegen erforderlicher Nachbesserungen bei den Voraussetzungen zur Aufnahme. Doch nicht nur Verbände werden geprüft: Auch Kandidaten werden durchleuchtet. Ein Vorgang, den unlängst ein Präsidentschaftskandidat nicht überstand. Nicht zuletzt ist das Amt des Präsidenten von World Boxing aktuell mit einem starken Amtsinhaber besetzt. Der Kasache Gennadi Golowkin (seit November 2025 im Amt) bringt möglicherweise die Erfahrungen, die Fähigkeiten und die Reputation mit, World Boxing durch diese Phase zu steuern. Ein Vorbild mag ihm dabei die Außenpolitik seines Heimatlandes sein, dass die Kunst vollbringt, in diesen politisch spannungsreichen Zeiten sowohl mit Russland als auch mit »dem Westen« gute Beziehungen zu unterhalten.
