Coro­na: Olym­pi­sche Spie­le auch 2021 noch mit gro­ßen Fragezeichen

Ohne Impfstoff werden die Spiele unwahrscheinlich

Vor dem Hin­ter­grund der Coro­na-Pan­de­mie hat­ten das Inter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Komi­tee (IOC) und der japa­ni­sche Pre­mier­mi­nis­ter Abe Shin­zo am 24. März 2020 die Ver­schie­bung der Olym­pi­schen Som­mer­spie­le auf das Fol­ge­jahr 2021 ver­kün­det. Der Wett­be­werb soll nach aktu­ell noch gel­ten­dem Pla­nungs­stand nun am 23. Juli 2021 begin­nen und am 8. August enden.

Ver­le­gung auf 2021 mit enor­men Folgekosten

Für die Ver­schie­bung der Som­mer­spie­le geht das IOC sei­ner­seits von Kos­ten in Höhe von etwa 800 Mil­lio­nen US-Dol­lar aus. Dazu kom­men noch die Kos­ten des Aus­rich­ter­lan­des Japan für die Ver­le­gung, die auf min­des­tens 2,7 Mil­li­ar­den US-Dol­lar geschätzt werden.

Infek­ti­ons­ge­sche­hen welt­weit immer noch hochdynamisch

Doch der bis­he­ri­ge Ver­lauf der Coro­na-Pan­de­mie weckt immer mehr Zwei­fel, ob die Spie­le im kom­men­den Jahr tat­säch­lich aus­ge­rich­tet wer­den können:

  • Die renom­mier­te John-Hop­kins-Uni­ver­si­tät (USA) zählt am 21. Juni 2020 welt­weit gut 8,8 Mil­lio­nen nach­ge­wie­se­ne Infek­tio­nen mit dem neu­ar­ti­gen Coro­na-Virus und mehr als 460.000 Todes­fäl­le im Zusam­men­hang mit COVID-19. Von einer hohen Dun­kel­zif­fer muss hier­bei jedoch aus­ge­gan­gen wer­den, da nicht in allen Gegen­den der Welt gleich inten­siv getes­tet wer­den kann oder soll.
  • Beson­ders betrof­fen sind im Juni die Staa­ten Nord‑, Mit­tel- und Süd­ame­ri­kas: Die USA allein zäh­len mehr als 2,2 Mil­lio­nen Infek­tio­nen, Bra­si­li­en etwas über 1 Mil­lio­nen Anste­ckun­gen. Auf allein die­se bei­den Staa­ten fällt also mehr als ein Drit­tel aller welt­weit nach­ge­wie­se­nen Fälle.
  • In ver­schie­de­nen Staa­ten, die das Virus wegen rigi­der Maß­nah­men ver­gleichs­wei­se gut unter Kon­trol­le brach­ten und wegen des Erfol­ges zuletzt Locke­run­gen der Ein­schrän­kun­gen zulas­sen konn­ten, waren zuletzt wie­der grö­ße­re Infek­ti­ons­aus­brü­che zu beob­ach­ten gewe­sen (zum Bei­spiel Chi­na, Tür­kei und auch Deutschland).

Mehr als die gewohn­te Grippe

Zudem wird immer deut­li­cher, dass eine COVID-19-Erkran­kung auch bei leich­te­ren Ver­läu­fen mehr als eine gewohn­te Grip­pe zu sein scheint. Über die Atem­we­ge hin­aus scheint eine Rei­he wei­te­rer Orga­ne und Funk­tio­nen betrof­fen zu sein. Vor allem zeigt sich das Herz-Kreis­lauf-Sys­tem in vie­len Fäl­len betrof­fen. Aber auch neu­ro­lo­gi­sche Sym­pto­me wie eine (vor­über­ge­hen­de) Beein­träch­ti­gung des Geruchs- und Geschmacks­sinns sind zu beobachten.

Abb. oben: Stand der Aus­brei­tung des neu­ar­ti­gen Coro­na-Virus am 21. Juni 2020. Beson­ders die Staa­ten des ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nents zei­gen ein dyna­mi­sches Wachs­tum. Allein auf die USA und Bra­si­li­en fällt zu die­sem Zeit­punkt mit über 3 Mil­lio­nen nach­ge­wie­se­nen Inek­tio­nen mehr als ein Drit­tel aller Infek­tio­nen welt­weit. (Quel­le: Dash­board der John-Hopkins-Universität)

Ver­füg­bar­keit von Impf­stoff von zen­tra­ler Bedeutung

Mit Blick auf die 2021 geplan­ten Olym­pi­schen Spie­le wird die Fra­ge von zen­tra­ler Bedeu­tung sein, ob recht­zei­tig ein wirk­sa­mer und ver­träg­li­cher Impf­stoff ent­wi­ckelt und her­ge­stellt wer­den kann.

Recht­zei­tig heißt in die­sem Zusam­men­hang, dass vor den Spie­len ins­ge­samt eine rele­van­te Impf­quo­te erreicht wer­den muss, denn es erscheint aus ethi­scher Sicht frag­wür­dig, bei einem knap­pen Zeit­fens­ter oder einer knap­pen Ver­füg­bar­keit des Impf­se­rums die Betei­lig­ten der Olym­pi­schen Spie­le bei Imp­fun­gen vor­zu­zie­hen. Man könn­te den Spie­len in die­sem Fall vor­wer­fen, sich auf Kos­ten der Welt­ge­sund­heit Pri­vi­le­gi­en zu sichern.

Einen Zusam­men­hang zwi­schen den Olym­pi­schen Spie­len und einer wirk­sa­men Kon­trol­le der Pan­de­mie stell­te Ende April auch der japa­ni­sche Pre­mier­mi­nis­ter Shin­zo Abe her:

»Wir haben gesagt, dass wir Olym­pi­sche und Paralym­pi­sche Spie­le abhal­ten wer­den, an denen Ath­le­ten und Zuschau­er sicher und umfas­send teil­neh­men kön­nen. Ich den­ke, sie kön­nen nicht durch­ge­führt wer­den, wenn die Pan­de­mie nicht ein­ge­dämmt ist.«

Umden­ken bei IOC-Funktionär

Ein Umden­ken ist auch bei IOC-Funk­tio­nä­ren zu beob­ach­ten. Noch Ende April ent­geg­ne­te das IOC-Mit­glied John Coa­tes (Vor­sit­zen­der der Koor­di­na­ti­ons­kom­mis­si­on für die Olym­pi­schen Som­mer­spie­le in Tokio) auf die Gedan­ken japa­ni­scher Ärz­te, die Durch­füh­rung der Olym­pi­schen Spie­le von der Ver­füg­bar­keit von Imp­fun­gen abhän­gig zu machen:

»Der Rat, den wir von der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on erhal­ten, besagt, dass wir die­sen Ter­min wei­ter­hin pla­nen soll­ten. Dies tun wir, und es hängt nicht von einem Impf­stoff ab. Ein Impf­stoff wäre schön. Wir wer­den uns aber wei­ter­hin von der WHO und den japa­ni­schen Gesund­heits­be­hör­den lei­ten lassen.«

Inzwi­schen klin­gen die Äuße­run­gen des IOC-Funk­tio­närs anschei­nend anders. Nach Anga­ben der »Japan Times« soll Coa­tes Ende Mai in Syd­ney vor aus­tra­li­schen Sport­funk­tio­nä­ren geäu­ßert haben, dass die Olym­pi­schen Spie­le auch bei Ent­wick­lung eines Impf­stof­fes nicht sicher sei­en. Den Okto­ber soll er den Anga­ben nach als kri­ti­schen Zeit­punkt für Ent­schei­dun­gen benannt haben.

Abb. oben: Der Anstieg der Fäl­le ist welt­weit unge­bremst. Wäh­rend sich in eini­gen Län­dern die Kur­ve durch rigi­de Maß­nah­men deut­lich abge­flacht hat, zeigt sich die Ent­wick­lung glo­bal noch unge­bremst. (Quel­le: Dash­board der John-Hopkins-Universität)

Die Ent­wick­lung eines Impf­stof­fes braucht noch Zeit

Es erscheint aber mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit aus­ge­schlos­sen zu sein, dass die Coro­na-Pan­de­mie noch in die­sem Jahr durch die Ent­wick­lung und Ver­füg­bar­keit eines Impf­stof­fes unter Kon­trol­le gebracht wer­den kann.

Nach ver­brei­te­ter Auf­fas­sung der Fach­leu­te ist mit einem Impf­stoff nicht vor Früh­jahr 2021 zu rech­nen. Dies scheint die güns­tigs­te Annah­me zu sein. Ande­re Annah­men gehen von deut­lich spä­te­ren Zeit­punk­ten aus. Die pes­si­mis­ti­schen Mei­nun­gen wei­sen dar­auf­hin, dass es auch vie­le Viren gibt, gegen die gar kei­ne Impf­stof­fe ent­wi­ckelt wer­den konn­ten (etwa HIV).

Wie auch immer: Bis zur Ent­wick­lung eines Impf­schut­zes muss die Hoff­nung auf eine Kon­trol­le des neu­ar­ti­gen Coro­na-Virus auf bes­se­re Behand­lun­gen durch Medi­ka­men­te, ver­bes­ser­tes Moni­to­ring von Aus­brü­chen und natür­lich dem ver­än­der­ten Ver­hal­ten der Bevöl­ke­run­gen ruhen.

Qua­li­fi­ka­ti­ons­wett­be­wer­be ohne Impfschutz?

Doch ist es falsch, nur auf den Start­ter­min der Spie­le am 23. Juli zu schau­en. In sehr vie­len Sport­ar­ten konn­ten die Qua­li­fi­ka­ti­ons­wett­be­wer­be durch den Aus­bruch der Coro­na-Pan­de­mie nicht regu­lär zu Ende gebracht werden.

Hier müss­ten also Qua­li­fi­ka­ti­ons­wett­be­wer­be in Form grö­ße­rer inter­na­tio­na­ler Tur­nie­re deut­lich vor dem Beginn der Spie­le wie­der fort­ge­setzt wer­den, wenn man beim übli­chen Pro­ze­de­re ver­bleibt. Auch dies scheint ohne einen Impf­schutz kaum vorstellbar.

Dies betrifft auch das olym­pi­sche Boxen, bei denen das euro­päi­sche Qua­li­fi­ka­ti­ons­tur­nier in Lon­don vor­zei­tig abge­bro­chen wer­den muss­te und das Tur­nier für die Ame­ri­ka-Qua­li­fi­ka­ti­on in Argen­ti­ni­en gar nicht erst begin­nen konn­te. Auch das welt­wei­te Qua­li­fi­ka­ti­ons­tur­nier, das im Mai in Paris geplant war, konn­te nicht aus­ge­tra­gen werden.

Bis­lang erscheint auch im Olym­pi­schen Boxen unklar, wie der Qua­li­fi­ka­ti­ons­weg mit der not­wen­di­gen Sicher­heit wie­der auf­ge­nom­men wer­den kann.

Die Spon­so­ren der Box­ab­tei­lung des FC St. Pauli: