Die zurückliegenden und zum Teil noch anhaltenden Umbrüche im olympischen Boxsport betreffen nicht nur die Weltverbände, wo der neue Weltverband World Boxing die IBA (früher AIBA) abgelöst hat und damit das Überleben des Boxsports als olympische Sportart sichern konnte.
Die Umbrüche werden womöglich bald bis tief in den »Maschinenraum« des Wettkampfbetriebes reichen: World Boxing gab am 18. Juni 2026 die strategisch ausgerichtete Zusammenarbeit mit der chinesischen Firma »Xempower« als bevorzugten Technologiepartner bekannt (Link öffnet neues Fenster). Dies verdient eine genauere Betrachtung.
Xempower wird Partner von World Boxing
Diese Zusammenarbeit betrifft zunächst sogenannte »Event Operation & Management Systeme« (EOMS). Hierunter versteht man jene Plattformen und Programme, die zur Abwicklung größerer Turniere (z. B. Weltmeisterschaften) erforderlich bzw. hilfreich sind. Es geht hier vor allem um die Registrierung der Wettkämpfer*innen, die Auslosung des Turniers, die Ansetzungen und Abwicklung der Wettkämpfe in mehreren Ringen, die Erfassung der Punktrichterwertungen und ihre Zusammenführung zu Wettkampfentscheidungen, die Berechnung des Turnierfortschritts von Runde zu Runde, die Erstellung von Ergebnislisten, die Zuteilung der Kampfrichter*innen zu einzelnen Veranstaltungen, Ringen und Plätzen sowie die statistischen Auswertungen des Turniers.
Abschied vom Boxpointer von Swiss Timing?
Damit könnte Xempower auf internationaler Wettkampfebene wahrscheinlich nach und nach das seit Jahrzehnten bekannte System der Firma Swiss Timing ablösen (oft Boxpointer genannt). Die Leistungsfähigkeit seines EOMS konnte Xempower bereits bei einigen zurückliegenden großen Turnieren beweisen: So wurden z. B. die U19-WM in den USA, die U17-EM in Deutschland, die World Boxing Cups in China und Brasilien sowie zuletzt auch die U19-EM in Serbien alle schon mit dem EOMS der Firma Xempower durchgeführt.
Vielen wird der Wechsel von Swiss Timing zu Xempower gar nicht aufgefallen sein, denn die von Xempower generierten üblichen Wettkampfdokumente (Auslosungen, Ansetzungen und Ergebnisse) ähneln sehr stark jenen Dokumenten, die von Swiss Timing bereits vertraut sind. Offenbar konnte Swiss Timing im Bereich des EOMS mit seinen Dokumenten Standards setzen, die auch ein Konkurrent nicht ignorieren mochte.
Bei Xempower geht es perspektivisch um mehr als EOMS
Das wird allerdings Swiss Timing nur ein schwacher Trost sein. World Boxing stellte Xempower zwar »nur« als bevorzugten Technologiepartner vor (eine Formulierung, die der chinesischen Firma keine Exklusivität einräumt und erlauben dürfte, zumindest vorerst auch noch Swiss Timing einzusetzen), aber dennoch dürfte das Statement des Weltverbandes so zu deuten sein, dass man die Zukunft bei Xempower sieht.
Dabei geht es um sehr ambitionierte Ziele, die weit über die Bereitstellung eines EOMS hinausreichen. So heißt es in dem Statement des Weltverbandes vom 18. Juni ausdrücklich, dass Xempower künftig Möglichkeiten für KI-gestützte Werkzeuge zur Ausbildung von Offiziellen (damit dürften in erster Linie Kampfrichter*innen gemeint sein) und für die Entwicklung von Scoring-Lösungen erforschen soll.
IOC forderte Verbesserung der Kampfrichterleistungen
Dass die Wertung der Wettkämpfe im olympischen Boxen in den Fokus rückt, ist nicht verwunderlich. Sie ist eine höchst komplexe Angelegenheit, damit potenziell fehleranfällig und nicht immer leicht nachvollziehbar. In der Folge ist sie auch vergleichsweise schlecht gegen Einflussnahmen zu schützen. Aus all diesen Gründen stand die Wertung der Wettkämpfe im olympischen Boxen schon immer in der Kritik.
Ein Tiefpunkt auf internationaler Ebene waren in diesem Zusammenhang sicherlich die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro (Link öffnet neues Fenster) gewesen. Sämtliche eingesetzten Kampfrichter*innen der AIBA (so hieß die IBA damals noch) wurden nach Rio aus dem Einsatz genommen (Link öffnet neues Fenster). Ein später in Auftrag gegebener Untersuchungsbericht (Link öffnet Bericht in neuem Fenster) des renommierten Sportrechtlers McLaren sprach von Manipulationen, konnte aber keine konkret Schuldigen benennen.
So kann nicht überraschen, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) nach Rio mit Nachdruck und anhaltend grundlegende Verbesserungen bei den Kampfrichterleistungen (Link öffnet neues Fenster) forderte. Im wachsenden Zerwürfnis zwischen der IBA und dem IOC, der schließlich 2019 zum zunächst vorläufigen und 2023 zum endgültigen Ausschluss der IBA führte, blieb dieser Punkt neben anderen wichtigen Dingen bis zum Schluss ein zentrales Thema.
Es ist daher verständlich, dass der neue Weltverband World Boxing die Kampfrichterleistungen und die Wertung der Wettkämpfe ganz oben auf der Agenda hat, denn er dürfte dem IOC beweisen wollen, dass er in der Lage ist, die Integrität des Wettbewerbs zu gewährleisten. Vorgänge wie 2016 in Rio soll es unter seiner Zuständigkeit im olympischen Boxsport nicht mehr geben.
Bislang wird weitgehend ohne Daten gepunktet
Seit der Einführung der aus dem Profiboxen bekannten 10-Point-Must-Wertung im Jahr 2013 (passend zur WM im kasachischen Almaty) zählen die Punktrichter*innen in aller Regel nicht mehr einzelne Treffer. Warum auch? In dieser Wertungsweise erhalten die Gewinner*innen der Runde schließlich stets 10 Punkte zugesprochen, während die unterlegenen Boxer*innen (je nach dem Grad ihrer Unterlegenheit) 9, 8 oder 7 Punkte bekommen.
Was für die Punktwertung maßgeblich sein soll, ist im Regelwerk klar benannt: Die Anzahl regelkonformer Wirkungstreffer (quality blows) soll darüber entscheiden, wer den Kampf gewinnt. Im Kern ist dies über all die Jahre und den Wechsel der Verbände hinweg gleich geblieben. Erst wenn der Kampf über die Zahl der regelkonformen Wirkungstreffer nicht klar entscheidbar ist, sollen technische und taktische Aspekte einfließen.
Eigentlich soll ein Wettkampf des olympischen Boxen also primär quantitativ gewertet werden, ganz ähnlich wie in der Leichtathletik oft Zeiten oder Weiten gemessen oder in vielen Mannschaftssportarten Tore gezählt werden. Allerdings steht dieser quantitative Ansatz in einem bemerkenswerten Gegensatz zu der Tatsache, dass nach der Einführung der 10-Point-Must-Wertung in der Regel gar keine Daten mehr erhoben werden.
In der Praxis hat die 10-Point-Must-Wertung die Wertungsweise aus dem eigentlich objektivierbaren quantitativen Bereich stark in einen eher subjektiven qualitativen Bereich verschoben: Am Ende entscheiden die Punktrichter*innen mehr oder weniger ganz simpel, wer in ihren Augen der oder die Bessere war – und dies in der Regel ohne valide Datengrundlage.
Erfahrene Punktrichter*innen liegen bei der Wertung dennoch meist (aber eben auch nicht immer) richtig. Doch Punktrichter*innen werden nicht mit Erfahrung geboren, sondern müssen diese erst sammeln. Und solange sie diese Erfahrung noch nicht gesammelt haben, werden sie ihre Entscheidungen zuweilen in einem nebelverhangenen Graubereich treffen.
KI soll wohl mit Auswertungen helfen
Nun könnte offenbar also der Einsatz von KI die Wertung von Wettkämpfen des olympischen Boxens verbessern helfen. Denkbar ist, dass Kameras aus mehreren Perspektiven den Kampf filmen und diese Aufzeichnungen durch die KI analysiert werden. Sensoren könnten Beschleunigungen, Geschwindigkeiten, Winkel und Kraft messen und übertragen und die Informationen ergänzen.
Möglicherweise kommen auch noch andere Beobachtungsparameter in Betracht, wie etwa erfolgreiche Verteidigungen, Bewegungsrichtungen der Boxer*innen und Dominanz der Ringmitte. Die Punktrichter*innen könnten dann für ihre Wertung auf statistische Auswertungen von Treffern, angewandten Schlägen, Schlaghärten usw. zurückgreifen.


Entscheidet in der Praxis am Ende die KI?
Die Punktrichter*innen behielten zwar das letzte Wort, wenn die KI ihnen lediglich die Auswertungen zur Verfügung stellt. Deswegen spricht man auch von »AI Assisted Judging«. Aber es stellt sich die Frage, ob Punktrichter*innen ihre Wertung in der Praxis wirklich gegen die ihnen angezeigten Statistiken abgeben würden. Erst recht, wenn sie sich selbst auf keine anderen Daten berufen können, sondern zur Rechtfertigung eines abweichenden Urteils nur ihren bloßen Eindruck als Argument ins Feld führen könnten.
Vertrauen des IOC zurückgewinnen
World Boxing tritt ein schweres Erbe an, denn die IBA als seine Vorgängerin hatte den Ruf des Boxsports im IOC gründlich ruiniert. Für so manche Funktionär*innen in Lausanne dürfte das Boxen in den zurückliegenden Jahren zu einer Art red flag geworden sein. Das verlorene oder besser: zerstörte Vertrauen muss erst wieder neu aufgebaut und gut gepflegt werden, damit aus der immerhin erst vorläufigen Anerkennung des neuen Weltverbandes möglichst geräuschlos und bald eine endgültige Anerkennung wird.
Vor diesem Hintergrund ist mehr als verständlich, dass World Boxing die seit langem bestehenden Kritikpunkte nun ernsthaft angeht. Zu diesen Punkten gehört spätestens seit Rio 2016 ganz wesentlich auch die Kritik an den Kampfrichterleistungen – dabei vor allem an den Punktwertungen, die (zumindest im olympischen Boxen) in über 90 Prozent der Fälle über den Ausgang des Wettkampfs entscheiden. Klar ist: Vorfälle wie 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio (s.o.) darf es nicht noch einmal geben.
World Boxing dürfte dabei richtig erkannt haben, dass der zentrale Mangel der Punktwertungen die fehlende Datengrundlage ist. Ohne valide Daten über Medaillen zu entscheiden, ist im 21. Jahrhundert mit seinen bestehenden Möglichkeiten eigentlich ein Unding und schlichtweg unzeitgemäß. Schließlich entscheidet man über die Medaillenplätze beim 100-Meter-Sprint auch nicht durch die bloße Beobachtung der Ziellinie. Man misst stattdessen die Zeit bis zur zweiten Nachkommastelle, also bis auf die hundertstel Sekunde genau.
KI in anderen Sportarten
Der Boxsport wäre mit der Einführung einer KI-gestützten Wertung nicht alleine – und auch kein Vorreiter. Auch einige andere Sportarten stehen nämlich vor ähnlichen Herausforderungen wie das Boxen: Komplexe und handlungsdichte Bewegungsabläufe mit starken individuellen Ausführungsprägungen mussten bislang mehr oder weniger durch bloße Beobachtung durch Kampfrichter bewertet werden:
- So ist im Kunstturnen seit 2019 ein von Fujitsu und der FIG entwickeltes Judging Support System (JSS) (Link öffnet neues Fenster) im Einsatz, das 2023 von einer sensorbasierten auf eine kamerabasierte, KI-gestützte Technologie erweitert wurde. Das System soll Fehlurteile verhindern helfen.
- Im Eiskunstlauf arbeitet man aktuell ebenfalls an der Einführung von KI (Link öffnet neues Fenster), die für die Identifizierung und Bewertung der gezeigten Techniken eingesetzt werden soll. Die Kampfrichter*innen sollen dafür mehr Zeit bei der Bewertung der künstlerischen Leistung haben.
KI macht aus Daten Interpretationen
Von dem Einsatz der KI verspricht man sich also Daten. Doch werfen wir einen Blick auf den Begriff »Daten«. Der Begriff wird im Allgemeinen mit unbestreitbaren Fakten assoziiert, also mit hoher Objektivität. Daten sind auch im Sport meist etwas Gemessenes oder Gezähltes – wie eben die Zeit, die Leichtathlet*innen für den 100-Meter-Sprint benötigen. Oder etwa die Weite, die bei einem Diskuswurf erreicht wird.
Doch die Daten, die eine KI den Punktrichtern von einem Boxkampf liefern wird, sind grundsätzlich anderer Art, denn sie entstammen nicht einem normierten, neutralen Messsystem. Die von der KI ausgegebenen Werte sind daher nicht unmittelbar gemessene Fakten, sondern aus Rohdaten nach trainierten Anleitungen abgeleitete Bewertungen und Klassifikationen. Sie sind also eher Interpretationen von Daten.
Als neutrale Daten kann man allenfalls die Videoaufzeichnungen der Wettkämpfe bezeichnen, die der KI gegeben werden. Denn sie zeigen – natürlich aus verschiedenen Perspektiven – lediglich das, was im Boxring geschah. Aber für die Auswertung des Materials musste die KI zuvor mit Daten und vor allem mit Anweisungen zu ihrer Interpretation angelernt, also trainiert werden. Das Ergebnis hängt u. a. stark davon ab, mit wie vielen Daten, mit welchen Daten und mit welchen Anweisungen die KI trainiert wird. Ohne einen Trainingsprozess könnte eine KI zu einem Boxkampf nur wenig sagen.
Damit wird etwas Wichtiges deutlich: Wer Trainingsdaten, Trainingsverfahren und Modellvorgaben eines solchen Systems kontrolliert, kann dessen spätere Auswertungen maßgeblich beeinflussen. Als neutrale, objektive und unbezweifelbare Daten (wie z. B. gemessene Weiten) sollten diese Auswertungen jedenfalls nicht unbesehen gelten.
Wer KI trainiert, kann Einfluss nehmen
Mit der Einführung der KI bei der Wertung von Spitzenwettbewerben des Sports ergeben sich ganz grundsätzlich vielfältige Fragestellungen. Der erhebliche Einfluss auf die Interpretation der Daten, der im Trainingsprozess der KI und bei ihrem Einsatz möglich ist, eröffnet grundsätzlich die Möglichkeit, solche Systeme gezielt oder unabsichtlich in bestimmte Richtungen zu beeinflussen.
Wie könnten solche denkbaren Beeinflussungen am praktischen Beispiel des Boxsports aussehen? Die folgenden Beispiele sind keine Aussagen über die tatsächlichen Systeme von Xempower. Sie dienen lediglich dazu, die allgemeinen Governance-Risiken zu veranschaulichen, die beim Einsatz KI-gestützter Bewertungssysteme entstehen können.
So wäre im Boxsport z. B. vorstellbar, dass der KI im Trainingsprozess beigebracht wird (oder jemand sie im laufenden Einsatz anweist), Angriffsdurchführungen in der Nähe der roten (wahlweise blauen oder einer weißen) Ecke höher zu bewerten als an anderen Stellen des Boxrings.
»Höher bewerten« könnte bspw. heißen, dass an dieser Stelle eigentlich nicht eindeutig erkannte Treffer von der KI mit angenommenen 1,1‑fach höheren Wahrscheinlichkeit doch als Treffer gewertet werden. Das würde zwar für beide Boxer gleichermaßen gelten, wer aber von dieser Anweisung weiß, kann den Vorteil nutzen und bevorzugt dort Angriffe durchführen, wo sie durch die KI höher bewertet werden.
Genauso wäre etwa vorstellbar, dass durch das gezielte Training der KI (oder durch Anweisungen im laufenden Einsatz, sofern ein solcher Zugriff auf das laufende System technisch überhaupt möglich und nicht entsprechend abgesichert ist) bestimmte Schläge oder Schlagkombinationen in der Auswertung bevorteilt werden.
Solche Dinge könnten auch miteinander kombiniert werden. Sie können auch von Jahr zu Jahr oder im laufenden Wettbewerb geändert werden, sofern man den Zugang zum System hat: Was im aktuellen Jahr oder vielleicht gar nur für einen einzigen Kampf gilt, kann später durch eine andere Manipulation ersetzt werden. Muster ließen sich so kaum erkennen.
Das alles sind freilich hypothetische Szenarien einer grundsätzlich technologisch möglich erscheinenden Einflussnahme. Und natürlich betrifft es alle Sportarten, in denen KI Einfluss auf Wertungen eingeräumt wird. Das genannten Beispiele sind kein Hinweis darauf, dass Xempower oder sonst jemand eine solche Funktion zu entwickeln beabsichtigt, schon besitzt oder gar eingesetzt hat. Doch wer über KI als Hilfsmittel von Wettkampfentscheidungen nachdenkt, sollte diese Fragestellungen berücksichtigen.
Auch dezente Manipulationen können Wirkung zeigen
Sofern solche Manipulationen dezent vorgenommen würden, dürfte dies im Grundrauschen des Boxkampfes für beobachtende Menschen kaum oder wahrscheinlich sogar gar nicht wahrnehmbar sein. Wahrscheinlich noch nicht einmal für fachkundige Menschen. Erst recht nicht, wenn man glaubt, die von der KI gelieferten Informationen müssten allein deshalb stets objektive Werte sein, nur weil ein System sie elektronisch präsentiert.
Aber könnte eine dermaßen dezente Manipulation bei Wettkämpfen wirklich den Ausschlag geben? Das muss differenziert betrachtet werden: Eine deutliche Unterlegenheit könnte in der Wertung tatsächlich wohl nur durch eine massive, und damit zugleich auffällige Manipulation egalisiert werden. Eine auffällige Manipulation wäre aber zugleich eine misslungene Manipulation.
In der statistischen Streuung nicht erkennbar – aber auf Dauer dennoch wirksam
Ein Beispiel macht es deutlich: Wenn der gezinkte Würfel bei 100 Würfen 50 mal die »Sechs« anzeigt, werden alle Beteiligten argwöhnisch. Statistisch zu erwarten ist nämlich, dass er bei 100 Würfen etwa 16 oder 17 mal die »Sechs« anzeigt. Fällt bei 100 Würfen aber 20 oder 25 mal die »Sechs«, wird jeder das noch als unauffällige Streuung ansehen – eben eine Glückssträhne. Und tatsächlich: Auch ein nicht gezinkter Würfel wird bei 100 Würfen gelegentlich auch 20 oder 25 mal die »Sechs« würfeln können. Der gezinkte Würfel tut dies nur mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit.
Erkennbar wird das allerdings nur, wenn die Versuchsreihen groß genug werden. Je dezenter eine Manipulation also ist, desto eher bleibt sie unentdeckt – und unentdeckt zu bleiben wird das primäre Ziel aller sein, die im Würfelspiel betrügen wollen. Die Manipulation am Würfel muss also so sein, dass sie statistisch unauffällig bleibt, wenn man nur eine begrenzte Zahl von Ereignissen überblicken kann. Damit verlöre man ganz bestimmt auch mal mehrere Spiele hintereinander – aber über den längeren Zeitraum hinweg würde sich der dezent gezinkte Würfel eben doch durchsetzen. Dies illustriert, dass auch bzw. gerade dezente Einflussnahmen Wirkung haben könnten, aber eben kaum zu entdecken sind.
Übertragen auf den Boxsport würde dies heißen: Schwache Boxer*innen könnten also durch zurückhaltende und gerade deswegen unauffällige Einflussnahmen kaum an die Spitze des Medaillenspiegels eines Boxturniers gelangen, weil sie im Laufe eines Turniers auf Gegner*innen träfen, deren Überlegenheit so deutlich ist, dass zumindest dezente, also noch unauffällige Bevorteilungen ihnen in diesen Kämpfen nicht helfen können.
Anders sähe es hingegen bei starken Boxnationen aus: Würden starke Boxer*innen mit einem hypothetischen geheimen Vorteil im Rücken Kämpfe gegen offensichtlich unterlegene Gegner*innen gewinnen, so würde es ins Bild der erkennbaren Überlegenheit passen. Drängen sie im Laufe des Turniers an die Spitze vor, wo sie mit höherer Wahrscheinlichkeit auf gleichwertigere Gegner*innen treffen würden, so könnte ihnen ein solch angenommener geheimer Vorteil in den KI-präsentierten Auswertungen vielleicht die entscheidenden zwei, drei vermeintlichen Trefferwertungen mehr verschaffen, die zur Siegentscheidung führen könnten – schließlich haben die Punktrichter*innen außer ihrer eigenen vagen Beobachtung und einem daraus resultierenden ebenso vagen Bauchgefühl keine andere Entscheidungsgrundlage als das, was die KI ihnen anzeigt.
Kontrolle im Maschinenraum
Also hat man durch den Einsatz von KI bei der Wertung von Boxwettkämpfen am Ende nichts gewonnen, weil man das eine potenzielle Unheil lediglich durch das andere potenzielle Unheil ersetzt hat? Wo früher Punktrichter Wettkampfentscheidungen manipulieren konnten, kann es in Zukunft die KI?
Ja, ein KI-gestütztes Wertungssystem könnte grundsätzlich manipulierbar sein, wenn seine Trainingsdaten, Modellparameter oder Einsatzvorgaben gezielt verändert werden. Aber darauf sollte es nicht reduziert werden. Es ist sicherlich der richtige Ansatz, die Punktwertung endlich auf eine empirische Grundlage zu stellen. Und KI dürfte sich grundsätzlich dazu eignen, solch wenig normierbare und komplexe Vorgänge wie einen Boxkampf auszuwerten.
Man muss nur davor warnen, den neuen Mitteln und Methoden allein deswegen Neutralität zuzuschreiben, weil sie sich zeitgemäß modern darstellen. Das wäre vielleicht etwas naiv. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass sportliche Erfolge auf internationaler Ebene in vielen Staaten der Welt Teil der Außenpolitik waren und immer noch sind. Medaillen bringen Prestige. Dies gilt vor allem für die olympischen Sportarten, die alle vier Jahre im Fokus der Weltöffentlichkeit stehen.
Ob KI bei Wettkampfentscheidungen im Sport ganz grundsätzlich ein mögliches Einfallstor für Manipulationen werden könnte, dürfte ganz wesentlich von zwei Fragen abhängen:
- Wer regelt und überwacht das Training der KI? – Im Training erlernt die KI den Sport. Hier spielen zunächst sportfachliche Fragen eine große Rolle. Doch auch schon hier dürfte es möglich sein, Grundlagen zu denkbaren Manipulationen zu legen.
- Wer regelt und überwacht den Einsatz der KI? – Auch ein trainiertes KI-System ist nicht zwangsläufig unveränderlich: Sein Verhalten kann je nach technischer Architektur auch durch Modellversionen, Konfigurationen oder Einsatzvorgaben beeinflusst werden.
Auf die Kontrolle im Maschinenraum wird es also maßgeblich ankommen. Der Sport ist daher gut beraten, das Training der KI und ihren späteren konkreten Einsatz bei Wettkampfentscheidungen genau zu reglementieren und zu überwachen. Erst recht, wenn sie dort eingesetzt wird, wo sie ihre Stärken hat: Nämlich bei der Bewertung komplexer Sachverhalte. Denn die Komplexität der durch sie zu bewertenden Sachverhalte kann zugleich dazu führen, dass bestimmte Eingriffe nicht ohne weiteres erkennbar werden.
