Wird künftig KI die Spitzenwettkämpfe im olympischen Boxen werten?

Es wird auf die Kontrolle bei Training und Wettkampf ankommen

Die zurück­lie­gen­den und zum Teil noch anhal­ten­den Umbrü­che im olym­pi­schen Box­sport betref­fen nicht nur die Welt­ver­bän­de, wo der neue Welt­ver­band World Boxing die IBA (frü­her AIBA) abge­löst hat und damit das Über­le­ben des Box­sports als olym­pi­sche Sport­art sichern konnte.

Die Umbrü­che wer­den womög­lich bald bis tief in den »Maschi­nen­raum« des Wett­kampf­be­trie­bes rei­chen: World Boxing gab am 18. Juni 2026 die stra­te­gisch aus­ge­rich­te­te Zusam­men­ar­beit mit der chi­ne­si­schen Fir­ma »Xem­power« als bevor­zug­ten Tech­no­lo­gie­part­ner bekannt (Link öff­net neu­es Fens­ter). Dies ver­dient eine genaue­re Betrachtung.

Xempower wird Partner von World Boxing

Die­se Zusam­men­ar­beit betrifft zunächst soge­nann­te »Event Ope­ra­ti­on & Manage­ment Sys­te­me« (EOMS). Hier­un­ter ver­steht man jene Platt­for­men und Pro­gram­me, die zur Abwick­lung grö­ße­rer Tur­nie­re (z. B. Welt­meis­ter­schaf­ten) erfor­der­lich bzw. hilf­reich sind. Es geht hier vor allem um die Regis­trie­rung der Wettkämpfer*innen, die Aus­lo­sung des Tur­niers, die Anset­zun­gen und Abwick­lung der Wett­kämp­fe in meh­re­ren Rin­gen, die Erfas­sung der Punkt­rich­ter­wer­tun­gen und ihre Zusam­men­füh­rung zu Wett­kampf­ent­schei­dun­gen, die Berech­nung des Tur­nier­fort­schritts von Run­de zu Run­de, die Erstel­lung von Ergeb­nis­lis­ten, die Zutei­lung der Kampfrichter*innen zu ein­zel­nen Ver­an­stal­tun­gen, Rin­gen und Plät­zen sowie die sta­tis­ti­schen Aus­wer­tun­gen des Turniers. 

Abschied vom Boxpointer von Swiss Timing?

Damit könn­te Xem­power auf inter­na­tio­na­ler Wett­kampf­ebe­ne wahr­schein­lich nach und nach das seit Jahr­zehn­ten bekann­te Sys­tem der Fir­ma Swiss Timing ablö­sen (oft Box­poin­ter genannt). Die Leis­tungs­fä­hig­keit sei­nes EOMS konn­te Xem­power bereits bei eini­gen zurück­lie­gen­den gro­ßen Tur­nie­ren bewei­sen: So wur­den z. B. die U19-WM in den USA, die U17-EM in Deutsch­land, die World Boxing Cups in Chi­na und Bra­si­li­en sowie zuletzt auch die U19-EM in Ser­bi­en alle schon mit dem EOMS der Fir­ma Xem­power durchgeführt. 

Vie­len wird der Wech­sel von Swiss Timing zu Xem­power gar nicht auf­ge­fal­len sein, denn die von Xem­power gene­rier­ten übli­chen Wett­kampf­do­ku­men­te (Aus­lo­sun­gen, Anset­zun­gen und Ergeb­nis­se) ähneln sehr stark jenen Doku­men­ten, die von Swiss Timing bereits ver­traut sind. Offen­bar konn­te Swiss Timing im Bereich des EOMS mit sei­nen Doku­men­ten Stan­dards set­zen, die auch ein Kon­kur­rent nicht igno­rie­ren mochte. 

Bei Xempower geht es perspektivisch um mehr als EOMS

Das wird aller­dings Swiss Timing nur ein schwa­cher Trost sein. World Boxing stell­te Xem­power zwar »nur« als bevor­zug­ten Tech­no­lo­gie­part­ner vor (eine For­mu­lie­rung, die der chi­ne­si­schen Fir­ma kei­ne Exklu­si­vi­tät ein­räumt und erlau­ben dürf­te, zumin­dest vor­erst auch noch Swiss Timing ein­zu­set­zen), aber den­noch dürf­te das State­ment des Welt­ver­ban­des so zu deu­ten sein, dass man die Zukunft bei Xem­power sieht.

Dabei geht es um sehr ambi­tio­nier­te Zie­le, die weit über die Bereit­stel­lung eines EOMS hin­aus­rei­chen. So heißt es in dem State­ment des Welt­ver­ban­des vom 18. Juni aus­drück­lich, dass Xem­power künf­tig Mög­lich­kei­ten für KI-gestütz­te Werk­zeu­ge zur Aus­bil­dung von Offi­zi­el­len (damit dürf­ten in ers­ter Linie Kampfrichter*innen gemeint sein) und für die Ent­wick­lung von Scoring-Lösun­gen erfor­schen soll.

Info­box: Xempower
Erfah­re mehr über Xem­power als neu­en Part­ner von World Boxing …

Xem­power wur­de 2015 in Nan­jing (Chi­na) von Cai Yongjun (im inter­na­tio­na­len Zusam­men­hang oft Tho­mas Cai genannt) gegrün­det, einem ehe­ma­li­gen Pro­fi­bo­xer und Boxtrainer.

Das Unter­neh­men ist auf Sport­tech­no­lo­gie und digi­ta­le Ver­an­stal­tungs­or­ga­ni­sa­ti­on spe­zia­li­siert und war bezie­hungs­wei­se ist neben dem Boxen unter ande­rem auch im Skate­boar­ding, beim Rol­ler­sport, beim Breaking/Streetdance sowie bei Lauf- und Brei­ten­sport­ver­an­stal­tun­gen tätig.

Cai Yongjun ist neben sei­ner unter­neh­me­ri­schen Tätig­keit seit Jah­ren im chi­ne­si­schen und inter­na­tio­na­len Sport aktiv und war unter ande­rem mit chi­ne­si­schen olym­pi­schen Mann­schaf­ten und Sport­ver­bän­den verbunden.

Im Boxen ent­wi­ckelt Xem­power elek­tro­ni­sche und KI-gestütz­te Sys­te­me zur Ana­ly­se von Kämp­fen und zur Unter­stüt­zung der Wer­tung; ein ein­schlä­gi­ges Patent wur­de bereits 2021 eingereicht.

Nach Anga­ben von Xem­power kom­bi­nie­ren die Sys­te­me hoch­auf­lö­sen­de Kame­ras, Com­pu­ter Visi­on und Sen­so­rik, um unter ande­rem Schlä­ge, Tref­fer und Bewe­gungs­ab­läu­fe zu erfassen.

Bereits vor der heu­ti­gen World-Boxing-Part­ner­schaft führ­te Xem­power Gesprä­che mit dem World Boxing Coun­cil (WBC) über den Ein­satz von Tech­no­lo­gie zur Unter­stüt­zung der Box­wer­tung; 2024 prä­sen­tier­te Cai Yongjun dort das KI-gestütz­te Box­sys­tem des Unter­neh­mens (Link öff­net neu­es Fenster).

Der US-ame­ri­ka­ni­sche Ver­band »USA Boxing« bestä­tig­te 2025 den Ein­satz von Xem­power-Tech­no­lo­gie (Link öff­net neu­es Fens­ter) ein­schließ­lich KI-basier­ter Kampf­ana­ly­sen bei aus­ge­wähl­ten Ver­an­stal­tun­gen und im High-Per­for­mance-Bereich; seit 2026 ist Xem­power zudem stra­te­gi­scher Tech­no­lo­gie­part­ner von World Boxing.

Xem­power bezeich­net sich selbst als »Mem­ber Unit« (委员单位) (Link öff­net neu­es Fens­ter) des chi­ne­si­schen Natio­na­len Olym­pi­schen Komi­tees (NOK) und arbei­te­te nach­weis­lich mit der chi­ne­si­schen Gene­ral Admi­nis­tra­ti­on of Sport und wei­te­ren staat­li­chen Sport­be­hör­den zusam­men. Dar­aus folgt jedoch nicht, dass Xem­power ein chi­ne­si­sches Staats­un­ter­neh­men oder staat­lich kon­trol­liert ist.

IOC forderte Verbesserung der Kampfrichterleistungen

Dass die Wer­tung der Wett­kämp­fe im olym­pi­schen Boxen in den Fokus rückt, ist nicht ver­wun­der­lich. Sie ist eine höchst kom­ple­xe Ange­le­gen­heit, damit poten­zi­ell feh­ler­an­fäl­lig und nicht immer leicht nach­voll­zieh­bar. In der Fol­ge ist sie auch ver­gleichs­wei­se schlecht gegen Ein­fluss­nah­men zu schüt­zen. Aus all die­sen Grün­den stand die Wer­tung der Wett­kämp­fe im olym­pi­schen Boxen schon immer in der Kritik. 

Ein Tief­punkt auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne waren in die­sem Zusam­men­hang sicher­lich die Olym­pi­schen Spie­le 2016 in Rio de Janei­ro (Link öff­net neu­es Fens­ter) gewe­sen. Sämt­li­che ein­ge­setz­ten Kampfrichter*innen der AIBA (so hieß die IBA damals noch) wur­den nach Rio aus dem Ein­satz genom­men (Link öff­net neu­es Fens­ter). Ein spä­ter in Auf­trag gege­be­ner Unter­su­chungs­be­richt (Link öff­net Bericht in neu­em Fens­ter) des renom­mier­ten Sport­recht­lers McLa­ren sprach von Mani­pu­la­tio­nen, konn­te aber kei­ne kon­kret Schul­di­gen benennen. 

So kann nicht über­ra­schen, dass das Inter­na­tio­na­le Olym­pi­sche Komi­tee (IOC) nach Rio mit Nach­druck und anhal­tend grund­le­gen­de Ver­bes­se­run­gen bei den Kampf­rich­ter­leis­tun­gen (Link öff­net neu­es Fens­ter) for­der­te. Im wach­sen­den Zer­würf­nis zwi­schen der IBA und dem IOC, der schließ­lich 2019 zum zunächst vor­läu­fi­gen und 2023 zum end­gül­ti­gen Aus­schluss der IBA führ­te, blieb die­ser Punkt neben ande­ren wich­ti­gen Din­gen bis zum Schluss ein zen­tra­les Thema. 

Es ist daher ver­ständ­lich, dass der neue Welt­ver­band World Boxing die Kampf­rich­ter­leis­tun­gen und die Wer­tung der Wett­kämp­fe ganz oben auf der Agen­da hat, denn er dürf­te dem IOC bewei­sen wol­len, dass er in der Lage ist, die Inte­gri­tät des Wett­be­werbs zu gewähr­leis­ten. Vor­gän­ge wie 2016 in Rio soll es unter sei­ner Zustän­dig­keit im olym­pi­schen Box­sport nicht mehr geben.

Bislang wird weitgehend ohne Daten gepunktet

Seit der Ein­füh­rung der aus dem Pro­fi­bo­xen bekann­ten 10-Point-Must-Wer­tung im Jahr 2013 (pas­send zur WM im kasa­chi­schen Alma­ty) zäh­len die Punktrichter*innen in aller Regel nicht mehr ein­zel­ne Tref­fer. War­um auch? In die­ser Wer­tungs­wei­se erhal­ten die Gewinner*innen der Run­de schließ­lich stets 10 Punk­te zuge­spro­chen, wäh­rend die unter­le­ge­nen Boxer*innen (je nach dem Grad ihrer Unter­le­gen­heit) 9, 8 oder 7 Punk­te bekommen. 

Was für die Punkt­wer­tung maß­geb­lich sein soll, ist im Regel­werk klar benannt: Die Anzahl regel­kon­for­mer Wir­kungs­tref­fer (qua­li­ty blows) soll dar­über ent­schei­den, wer den Kampf gewinnt. Im Kern ist dies über all die Jah­re und den Wech­sel der Ver­bän­de hin­weg gleich geblie­ben. Erst wenn der Kampf über die Zahl der regel­kon­for­men Wir­kungs­tref­fer nicht klar ent­scheid­bar ist, sol­len tech­ni­sche und tak­ti­sche Aspek­te einfließen. 

Eigent­lich soll ein Wett­kampf des olym­pi­schen Boxen also pri­mär quan­ti­ta­tiv gewer­tet wer­den, ganz ähn­lich wie in der Leicht­ath­le­tik oft Zei­ten oder Wei­ten gemes­sen oder in vie­len Mann­schafts­sport­ar­ten Tore gezählt wer­den. Aller­dings steht die­ser quan­ti­ta­ti­ve Ansatz in einem bemer­kens­wer­ten Gegen­satz zu der Tat­sa­che, dass nach der Ein­füh­rung der 10-Point-Must-Wer­tung in der Regel gar kei­ne Daten mehr erho­ben werden.

In der Pra­xis hat die 10-Point-Must-Wer­tung die Wer­tungs­wei­se aus dem eigent­lich objek­ti­vier­ba­ren quan­ti­ta­ti­ven Bereich stark in einen eher sub­jek­ti­ven qua­li­ta­ti­ven Bereich ver­scho­ben: Am Ende ent­schei­den die Punktrichter*innen mehr oder weni­ger ganz sim­pel, wer in ihren Augen der oder die Bes­se­re war – und dies in der Regel ohne vali­de Datengrundlage. 

Erfah­re­ne Punktrichter*innen lie­gen bei der Wer­tung den­noch meist (aber eben auch nicht immer) rich­tig. Doch Punktrichter*innen wer­den nicht mit Erfah­rung gebo­ren, son­dern müs­sen die­se erst sam­meln. Und solan­ge sie die­se Erfah­rung noch nicht gesam­melt haben, wer­den sie ihre Ent­schei­dun­gen zuwei­len in einem nebel­ver­han­ge­nen Grau­be­reich treffen.

Info­box: Frü­he­re Wer­tungs­me­tho­den im olym­pi­schen Boxen
Erfah­re mehr dar­über, wie frü­her im olym­pi­schen Boxen gewer­tet wur­de und Ein­fluss­nah­men ver­hin­dert wer­den sollten …

Die Kri­tik an Kampf­rich­ter­leis­tun­gen bzw. an der Wer­tungs­wei­se von Wett­kämp­fen des olym­pi­schen Boxens reicht jedoch län­ger zurück als 2016. Rio war nur ein Tief­punkt gewe­sen, der sich auf der beson­ders pro­mi­nen­ten Büh­ne der Olym­pi­schen Spie­le zutrug. Es hat­te daher in der Ver­gan­gen­heit bereits ver­schie­de­ne Ver­su­che gege­ben, mit geän­der­ten Wer­tungs­me­tho­den zu bes­se­ren, nach­voll­zieh­ba­re­ren und somit letzt­lich auch zu mani­pu­la­ti­ons­si­che­re­ren Wett­kampf­ent­schei­dun­gen zu kommen. 

So muss­ten die Punkt­rich­ter frü­her jeden gül­ti­gen Wir­kungs­tref­fer für Rot und Blau ein­zeln im Bedien­teil des Box­poin­ters erfas­sen. In die Gesamt­wer­tung flos­sen sie aber nur ein, wenn alle Punkt­rich­ter einen sol­chen Tref­fer inner­halb eines kur­zen Zeit­fens­ters ein­ge­ge­ben hat­ten. Damit soll­te unter­bun­den wer­den, dass Tref­fer nach Abspra­chen und ohne zeit­li­chen Bezug zum rea­len Kampf (etwa sum­ma­risch am Ende der Run­de) ein­ge­ge­ben wer­den können. 

Ein wei­te­rer Ver­such, für bes­se­re Run­den­wer­tun­gen zu sor­gen, bestand dar­in, dass der Com­pu­ter im lau­fen­den Kampf von den fünf Punkt­rich­tern fort­wäh­rend jene zwei Wer­tun­gen aus der Gesamt­wer­tung her­aus­nahm, die am wei­tes­ten von der Durch­schnitts­wer­tung aller 5 Punkt­rich­ter abwi­chen. Dies soll­te es Punkt­rich­tern erschwe­ren, ein Ergeb­nis gegen die Wer­tung der ande­ren ein­ge­setz­ten Kol­le­gen wort­wört­lich »durch­zu­drü­cken« – je deut­li­cher sie es ver­su­chen wür­den, des­to grö­ßer war nach die­ser Metho­de die Wahr­schein­lich­keit, dass sie aus der Wer­tung gestri­chen werden.

Alle die­se Ansät­ze haben inter­es­san­te Aspek­te. In der Pra­xis waren sie aber den­noch mit spe­zi­fi­schen Schwie­rig­kei­ten ver­bun­den und haben daher nicht den Erfolg gehabt, den man sich erhofft hatte:

  • Jeden regu­lä­ren Wir­kungs­tref­fer ein­zeln zu erfas­sen, erfor­dert nicht nur eine außer­or­dent­lich gute sport­fach­li­che Aus­bil­dung der Kampf­rich­ter, son­dern ver­langt ihnen im Ein­satz am Ring außer­dem eine der­ma­ßen hohe Kon­zen­tra­ti­on ab, dass Punkt­rich­ter rea­lis­ti­scher­wei­se eigent­lich per­ma­nent abge­löst wer­den müss­ten. Dass ein und das­sel­be Punkt­ge­richt auf die­se Wei­se mit gleich­blei­ben­der Kon­zen­tra­ti­on fünf­zehn oder zwan­zig Kämp­fe in Fol­ge wer­ten könn­te, scheint jeden­falls ausgeschlossen.
  • Die Strei­chung stark vom Durch­schnitt abwei­chen­der Punkt­rich­ter­wer­tun­gen im lau­fen­den Kampf hat­te uner­war­te­te Sprün­ge in der Wer­tung zur Fol­ge: Ein Boxer, der eben noch ver­meint­lich kom­for­ta­bel führ­te, konn­te auf die­sem Weg kurz vor dem Ende der Run­de plötz­lich hin­ten lie­gen, wenn Punkt­rich­ter, die ihn »vor­ne« hat­ten, aus der Wer­tung fie­len – und sei es wegen auch nur gering­fü­gi­ger Dif­fe­ren­zen zum Durchschnitt.

Unter dem Strich führ­ten all die­se Ver­su­che jedoch zu kei­nem wirk­lich befrie­di­gen­den Ergeb­nis. Die Punk­tur­tei­le im olym­pi­schen Boxen blie­ben unver­än­dert umstrit­ten und oft ein Anlass zu Zweifeln.

KI soll wohl mit Auswertungen helfen

Nun könn­te offen­bar also der Ein­satz von KI die Wer­tung von Wett­kämp­fen des olym­pi­schen Boxens ver­bes­sern hel­fen. Denk­bar ist, dass Kame­ras aus meh­re­ren Per­spek­ti­ven den Kampf fil­men und die­se Auf­zeich­nun­gen durch die KI ana­ly­siert wer­den. Sen­so­ren könn­ten Beschleu­ni­gun­gen, Geschwin­dig­kei­ten, Win­kel und Kraft mes­sen und über­tra­gen und die Infor­ma­tio­nen ergänzen.

Mög­li­cher­wei­se kom­men auch noch ande­re Beob­ach­tungs­pa­ra­me­ter in Betracht, wie etwa erfolg­rei­che Ver­tei­di­gun­gen, Bewe­gungs­rich­tun­gen der Boxer*innen und Domi­nanz der Ring­mit­te. Die Punktrichter*innen könn­ten dann für ihre Wer­tung auf sta­tis­ti­sche Aus­wer­tun­gen von Tref­fern, ange­wand­ten Schlä­gen, Schlag­här­ten usw. zurückgreifen.

Eine schematische Zeichnung mit der Aufstellung von Kameras um den Boxring, die eine mögliche Anwendung von KI bei Boxkämpfen illustriert.
Abb. oben: Die sche­ma­ti­sche Dar­stel­lung einer denk­ba­ren Ein­satz­va­ri­an­te von KI bei der Wer­tung eines Box­kamp­fes. Rund um den Ring sind vier Kame­ras plat­ziert, die den Kampf fil­men. Die Video­si­gna­le wer­den in die KI ein­ge­speist, die eine Aus­wer­tung der Auf­zeich­nun­gen vor­nimmt und an die fünf Punkt­rich­ter­plät­ze aus­spielt (sym­bo­li­siert durch die wei­ßen Tische mit der Flie­ge als Sym­bol, dane­ben ein klei­ner Screen mit einer Bal­ken­gra­fik als Sym­bol für die sta­tis­ti­sche Aus­wer­tung). Ganz abge­se­hen von grund­sätz­li­chen Fra­gen  mög­li­cher Ein­fluss­nah­men auf KI-Sys­te­me hät­te die hier gezeig­te Sys­tem-Ein­rich­tung in der Pra­xis einen pro­ble­ma­ti­schen Effekt: Vier ver­schie­de­ne Daten­quel­len (Video­si­gna­le aus 4 unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven) wür­den in die­sem Auf­bau zu einer ein­zi­gen, für alle fünf Punkt­rich­ter glei­chen Aus­wer­tung zusam­men­ge­fasst. Dies kann eine »Gleich­schal­tung« aller fünf Punktrichter*innen begüns­ti­gen, obwohl es ja aus­drück­lich erwünscht ist, dass sie unab­hän­gig von­ein­an­der urtei­len sollen.
Eine schematische Zeichnung mit der Aufstellung von Kameras um den Boxring, die eine mögliche Anwendung von KI bei Boxkämpfen illustriert.
Abb. oben: Die sche­ma­ti­sche Dar­stel­lung einer ande­ren denk­ba­ren Ein­satz­va­ri­an­te von KI bei der Wer­tung eines Box­kamp­fes. Wie­der sind um den Ring vier Kame­ras plat­ziert, die den Kampf fil­men. Die Video­si­gna­le wer­den aber in ver­schie­de­ne KIs ein­ge­speist, die eine Aus­wer­tung der Auf­zeich­nun­gen aus den jeweils ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven vor­neh­men. Die Aus­wer­tun­gen wer­den in die­sem Bei­spiel jedoch an jene Punkt­rich­ter­plät­ze aus­ge­spielt, die mit der Per­spek­ti­ve kor­re­spon­die­ren (sym­bo­li­siert durch die wei­ßen Tische mit der Flie­ge als Sym­bol, dane­ben ein klei­ner Screen mit einer Bal­ken­gra­fik als Sym­bol für die sta­tis­ti­sche Aus­wer­tung). Ganz abge­se­hen von grund­sätz­li­chen Fra­gen mög­li­cher Ein­fluss­nah­men auf KI-Sys­te­me hät­te die hier gezeig­te Sys­tem-Ein­rich­tung im Ver­gleich zu der zuerst vor­ge­stell­ten Ein­rich­tung den Vor­teil, dass sie eine »Gleich­schal­tung« der Punktrichter*innen nicht sys­te­misch begünstigt.

Entscheidet in der Praxis am Ende die KI?

Die Punktrichter*innen behiel­ten zwar das letz­te Wort, wenn die KI ihnen ledig­lich die Aus­wer­tun­gen zur Ver­fü­gung stellt. Des­we­gen spricht man auch von »AI Assis­ted Jud­ging«. Aber es stellt sich die Fra­ge, ob Punktrichter*innen ihre Wer­tung in der Pra­xis wirk­lich gegen die ihnen ange­zeig­ten Sta­tis­ti­ken abge­ben wür­den. Erst recht, wenn sie sich selbst auf kei­ne ande­ren Daten beru­fen kön­nen, son­dern zur Recht­fer­ti­gung eines abwei­chen­den Urteils nur ihren blo­ßen Ein­druck als Argu­ment ins Feld füh­ren könnten.

Info­box: Die 2013 im olym­pi­schen Boxen ein­ge­führ­te 10-Point-Must-Wertung
Erfah­re mehr über die aus dem Pro­fi­bo­xen bekann­te Wertungsweise …

Ohne Daten­grund­la­ge ist stets zu erwar­ten, dass nicht unbe­dingt glas­kla­re ent­scheid­ba­re Run­den sowohl 10:9 oder 9:10 gewer­tet wer­den kön­nen. Mit 10:9‑Urteilen (egal für wen) lie­gen Punktrichter*innen bei sehr vie­len Wett­kämp­fen in einem Kom­fort-Kor­ri­dor, der sie weit­ge­hend unan­greif­bar macht. 

Es kann nie­man­den wirk­lich ver­wun­dern, dass Punktrichter*innen ungern die­sen Kor­ri­dor ver­las­sen, wenn sie ohne Daten­grund­la­ge quan­ti­ta­ti­ve Ent­schei­dun­gen tref­fen sol­len. Sie ver­las­sen mit 10:8‑Wertungen die­sen Kor­ri­dor erst in sehr kla­ren Fäl­len. Und 10:7‑Wertungen kom­men in der Pra­xis fast gar nicht vor. 

Blei­ben Punktrichter*innen über­wie­gend bei 10:9‑Wertungen, kön­nen Sie Kri­tik oft abbü­geln: »Ja, ich hat­te auch lan­ge über­legt, es anders zu wer­ten, aber dazu fehl­ten mir am Ende ein oder zwei rele­van­te Schlä­ge.« Zwi­schen einem 10:9 und einem 9:10 kann tat­säch­lich am Ende ja auch nur der Hauch eines Vor­sprungs liegen. 

Genau dies könn­te übri­gens auch der Ansatz­punkt für mög­li­che Mani­pu­la­tio­nen sein: Wenn in vie­len Fäl­len ein 10:9 fast eben­so gut begrün­det und ver­tei­digt wer­den kann wie ein 9:10, weil es kei­ne Daten gibt, die Klar­heit ver­schaf­fen, dann ist theo­re­tisch vor­stell­bar, dass genau sol­che Run­den auch inter­es­se­ge­leitet für eine bestimm­te Ecke gege­ben wer­den. Der Grau­be­reich, in dem man agiert, solan­ge kei­ne Daten vor­lie­gen, macht Mani­pu­la­tio­nen jeden­falls sehr schwer nachweisbar. 

Es wäre im übri­gen inter­es­sant, die skan­da­lö­sen Wer­tun­gen 2016 in Rio noch ein­mal vor dem Hin­ter­grund zu unter­su­chen, dass dort zum ers­ten Mal bei Olym­pi­schen Spie­len die 10-Point-Must-Wer­tung zum Ein­satz kam.

Vertrauen des IOC zurückgewinnen

World Boxing tritt ein schwe­res Erbe an, denn die IBA als sei­ne Vor­gän­ge­rin hat­te den Ruf des Box­sports im IOC gründ­lich rui­niert. Für so man­che Funktionär*innen in Lau­sanne dürf­te das Boxen in den zurück­lie­gen­den Jah­ren zu einer Art red flag gewor­den sein. Das ver­lo­re­ne oder bes­ser: zer­stör­te Ver­trau­en muss erst wie­der neu auf­ge­baut und gut gepflegt wer­den, damit aus der immer­hin erst vor­läu­fi­gen Aner­ken­nung des neu­en Welt­ver­ban­des mög­lichst geräusch­los und bald eine end­gül­ti­ge Aner­ken­nung wird.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist mehr als ver­ständ­lich, dass World Boxing die seit lan­gem bestehen­den Kri­tik­punk­te nun ernst­haft angeht. Zu die­sen Punk­ten gehört spä­tes­tens seit Rio 2016 ganz wesent­lich auch die Kri­tik an den Kampf­rich­ter­leis­tun­gen – dabei vor allem an den Punkt­wer­tun­gen, die (zumin­dest im olym­pi­schen Boxen) in über 90 Pro­zent der Fäl­le über den Aus­gang des Wett­kampfs ent­schei­den. Klar ist: Vor­fäl­le wie 2016 bei den Olym­pi­schen Spie­len in Rio (s.o.) darf es nicht noch ein­mal geben.

World Boxing dürf­te dabei rich­tig erkannt haben, dass der zen­tra­le Man­gel der Punkt­wer­tun­gen die feh­len­de Daten­grund­la­ge ist. Ohne vali­de Daten über Medail­len zu ent­schei­den, ist im 21. Jahr­hun­dert mit sei­nen bestehen­den Mög­lich­kei­ten eigent­lich ein Unding und schlicht­weg unzeit­ge­mäß. Schließ­lich ent­schei­det man über die Medail­len­plät­ze beim 100-Meter-Sprint auch nicht durch die blo­ße Beob­ach­tung der Ziel­li­nie. Man misst statt­des­sen die Zeit bis zur zwei­ten Nach­kom­ma­stel­le, also bis auf die hun­derts­tel Sekun­de genau. 

KI in anderen Sportarten

Der Box­sport wäre mit der Ein­füh­rung einer KI-gestütz­ten Wer­tung nicht allei­ne – und auch kein Vor­rei­ter. Auch eini­ge ande­re Sport­ar­ten ste­hen näm­lich vor ähn­li­chen Her­aus­for­de­run­gen wie das Boxen: Kom­ple­xe und hand­lungs­dich­te Bewe­gungs­ab­läu­fe mit star­ken indi­vi­du­el­len Aus­füh­rungs­prä­gun­gen muss­ten bis­lang mehr oder weni­ger durch blo­ße Beob­ach­tung durch Kampf­rich­ter bewer­tet werden:

  • So ist im Kunst­tur­nen seit 2019 ein von Fuji­tsu und der FIG ent­wi­ckel­tes Jud­ging Sup­port Sys­tem (JSS) (Link öff­net neu­es Fens­ter) im Ein­satz, das 2023 von einer sen­sor­ba­sier­ten auf eine kame­ra­ba­sier­te, KI-gestütz­te Tech­no­lo­gie erwei­tert wur­de. Das Sys­tem soll Fehl­ur­tei­le ver­hin­dern helfen.
  • Im Eis­kunst­lauf arbei­tet man aktu­ell eben­falls an der Ein­füh­rung von KI (Link öff­net neu­es Fens­ter), die für die Iden­ti­fi­zie­rung und Bewer­tung der gezeig­ten Tech­ni­ken ein­ge­setzt wer­den soll. Die Kampfrichter*innen sol­len dafür mehr Zeit bei der Bewer­tung der künst­le­ri­schen Leis­tung haben.

KI macht aus Daten Interpretationen

Von dem Ein­satz der KI ver­spricht man sich also Daten. Doch wer­fen wir einen Blick auf den Begriff »Daten«. Der Begriff wird im All­ge­mei­nen mit unbe­streit­ba­ren Fak­ten asso­zi­iert, also mit hoher Objek­ti­vi­tät. Daten sind auch im Sport meist etwas Gemes­se­nes oder Gezähl­tes – wie eben die Zeit, die Leichtathlet*innen für den 100-Meter-Sprint benö­ti­gen. Oder etwa die Wei­te, die bei einem Dis­kus­wurf erreicht wird.

Doch die Daten, die eine KI den Punkt­rich­tern von einem Box­kampf lie­fern wird, sind grund­sätz­lich ande­rer Art, denn sie ent­stam­men nicht einem nor­mier­ten, neu­tra­len Mess­sys­tem. Die von der KI aus­ge­ge­be­nen Wer­te sind daher nicht unmit­tel­bar gemes­se­ne Fak­ten, son­dern aus Roh­da­ten nach trai­nier­ten Anlei­tun­gen abge­lei­te­te Bewer­tun­gen und Klas­si­fi­ka­tio­nen. Sie sind also eher Inter­pre­ta­tio­nen von Daten. 

Als neu­tra­le Daten kann man allen­falls die Video­auf­zeich­nun­gen der Wett­kämp­fe bezeich­nen, die der KI gege­ben wer­den. Denn sie zei­gen – natür­lich aus ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven – ledig­lich das, was im Box­ring geschah. Aber für die Aus­wer­tung des Mate­ri­als muss­te die KI zuvor mit Daten und vor allem mit Anwei­sun­gen zu ihrer Inter­pre­ta­ti­on ange­lernt, also trai­niert wer­den. Das Ergeb­nis hängt u. a. stark davon ab, mit wie vie­len Daten, mit wel­chen Daten und mit wel­chen Anwei­sun­gen die KI trai­niert wird. Ohne einen Trai­nings­pro­zess könn­te eine KI zu einem Box­kampf nur wenig sagen.

Damit wird etwas Wich­ti­ges deut­lich: Wer Trai­nings­da­ten, Trai­nings­ver­fah­ren und Modell­vor­ga­ben eines sol­chen Sys­tems kon­trol­liert, kann des­sen spä­te­re Aus­wer­tun­gen maß­geb­lich beein­flus­sen. Als neu­tra­le, objek­ti­ve und unbe­zwei­fel­ba­re Daten (wie z. B. gemes­se­ne Wei­ten) soll­ten die­se Aus­wer­tun­gen jeden­falls nicht unbe­se­hen gelten.

Wer KI trainiert, kann Einfluss nehmen

Mit der Ein­füh­rung der KI bei der Wer­tung von Spit­zen­wett­be­wer­ben des Sports erge­ben sich ganz grund­sätz­lich viel­fäl­ti­ge Fra­ge­stel­lun­gen. Der erheb­li­che Ein­fluss auf die Inter­pre­ta­ti­on der Daten, der im Trai­nings­pro­zess der KI und bei ihrem Ein­satz mög­lich ist, eröff­net grund­sätz­lich die Mög­lich­keit, sol­che Sys­te­me gezielt oder unab­sicht­lich in bestimm­te Rich­tun­gen zu beeinflussen.

Wie könn­ten sol­che denk­ba­ren Beein­flus­sun­gen am prak­ti­schen Bei­spiel des Box­sports aus­se­hen? Die fol­gen­den Bei­spie­le sind kei­ne Aus­sa­gen über die tat­säch­li­chen Sys­te­me von Xem­power. Sie die­nen ledig­lich dazu, die all­ge­mei­nen Gover­nan­ce-Risi­ken zu ver­an­schau­li­chen, die beim Ein­satz KI-gestütz­ter Bewer­tungs­sys­te­me ent­ste­hen können. 

So wäre im Box­sport z. B. vor­stell­bar, dass der KI im Trai­nings­pro­zess bei­gebracht wird (oder jemand sie im lau­fen­den Ein­satz anweist), Angriffs­durch­füh­run­gen in der Nähe der roten (wahl­wei­se blau­en oder einer wei­ßen) Ecke höher zu bewer­ten als an ande­ren Stel­len des Boxrings. 

»Höher bewer­ten« könn­te bspw. hei­ßen, dass an die­ser Stel­le eigent­lich nicht ein­deu­tig erkann­te Tref­fer von der KI mit ange­nom­me­nen 1,1‑fach höhe­ren Wahr­schein­lich­keit doch als Tref­fer gewer­tet wer­den. Das wür­de zwar für bei­de Boxer glei­cher­ma­ßen gel­ten, wer aber von die­ser Anwei­sung weiß, kann den Vor­teil nut­zen und bevor­zugt dort Angrif­fe durch­füh­ren, wo sie durch die KI höher bewer­tet werden. 

Genau­so wäre etwa vor­stell­bar, dass durch das geziel­te Trai­ning der KI (oder durch Anwei­sun­gen im lau­fen­den Ein­satz, sofern ein sol­cher Zugriff auf das lau­fen­de Sys­tem tech­nisch über­haupt mög­lich und nicht ent­spre­chend abge­si­chert ist) bestimm­te Schlä­ge oder Schlag­kom­bi­na­tio­nen in der Aus­wer­tung bevor­teilt werden. 

Sol­che Din­ge könn­ten auch mit­ein­an­der kom­bi­niert wer­den. Sie kön­nen auch von Jahr zu Jahr oder im lau­fen­den Wett­be­werb geän­dert wer­den, sofern man den Zugang zum Sys­tem hat: Was im aktu­el­len Jahr oder viel­leicht gar nur für einen ein­zi­gen Kampf gilt, kann spä­ter durch eine ande­re Mani­pu­la­ti­on ersetzt wer­den. Mus­ter lie­ßen sich so kaum erkennen. 

Das alles sind frei­lich hypo­the­ti­sche Sze­na­ri­en einer grund­sätz­lich tech­no­lo­gisch mög­lich erschei­nen­den Ein­fluss­nah­me. Und natür­lich betrifft es alle Sport­ar­ten, in denen KI Ein­fluss auf Wer­tun­gen ein­ge­räumt wird. Das genann­ten Bei­spie­le sind kein Hin­weis dar­auf, dass Xem­power oder sonst jemand eine sol­che Funk­ti­on zu ent­wi­ckeln beab­sich­tigt, schon besitzt oder gar ein­ge­setzt hat. Doch wer über KI als Hilfs­mit­tel von Wett­kampf­ent­schei­dun­gen nach­denkt, soll­te die­se Fra­ge­stel­lun­gen berücksichtigen.

Info­box: Künst­li­che Intel­li­genz (KI)
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Künst­li­che Intel­li­genz (KI) bezeich­net Com­pu­ter­pro­gram­me, die Auf­ga­ben über­neh­men kön­nen, für die nor­ma­ler­wei­se mensch­li­che Fähig­kei­ten wie Erken­nen, Ler­nen oder Ent­schei­den erfor­der­lich sind. Die Grund­la­gen der KI rei­chen bis in die 1950er-Jah­re zurück; für eine brei­te Öffent­lich­keit sind leis­tungs­fä­hi­ge KI-Anwen­dun­gen aller­dings erst seit weni­gen Jah­ren verfügbar.

Es gibt unter­schied­li­che Arten von KI. Beson­ders wich­tig ist heu­te das soge­nann­te maschi­nel­le Ler­nen: Dabei wer­den Com­pu­ter mit gro­ßen Men­gen von Bei­spie­len trai­niert, aus denen sie selbst­stän­dig Mus­ter und Zusam­men­hän­ge ablei­ten. Eine KI kann bei­spiels­wei­se ler­nen, auf Video­auf­nah­men Bewe­gun­gen oder Tref­fer zu erken­nen, ohne dass jeder ein­zel­ne mög­li­che Bewe­gungs­ab­lauf vor­her als fes­te Regel pro­gram­miert wurde.

Dar­in liegt auch der wesent­li­che Unter­schied zu her­kömm­li­chen Com­pu­ter­pro­gram­men: Die­se arbei­ten in der Regel nach Regeln, die Men­schen vor­her fest­ge­legt haben. Eine KI kann dage­gen aus Daten ler­nen und ihre Auf­ga­be auch auf Situa­tio­nen anwen­den, die nicht aus­drück­lich pro­gram­miert wur­den. Aller­dings bedeu­tet das nicht, dass sie auto­ma­tisch »rich­tig« ent­schei­det – sie ist immer von ihren Trai­nings­da­ten, ihrer tech­ni­schen Kon­struk­ti­on und den Vor­ga­ben ihrer Ent­wick­ler abhängig.

Beson­ders gut eig­net sich KI des­halb für gro­ße Daten­men­gen und für Auf­ga­ben, bei denen sich wie­der­keh­ren­de Mus­ter erken­nen las­sen, etwa in Bil­dern, Vide­os oder Mess­da­ten. Weni­ger geeig­net ist sie für Fra­gen, bei denen es um mensch­li­che Wer­tun­gen, nicht mess­ba­re Kri­te­ri­en oder die Beur­tei­lung eines kom­ple­xen Ein­zel­falls geht.

Auch dezente Manipulationen können Wirkung zeigen

Sofern sol­che Mani­pu­la­tio­nen dezent vor­ge­nom­men wür­den, dürf­te dies im Grund­rau­schen des Box­kamp­fes für beob­ach­ten­de Men­schen kaum oder wahr­schein­lich sogar gar nicht wahr­nehm­bar sein. Wahr­schein­lich noch nicht ein­mal für fach­kun­di­ge Men­schen. Erst recht nicht, wenn man glaubt, die von der KI gelie­fer­ten Infor­ma­tio­nen müss­ten allein des­halb stets objek­ti­ve Wer­te sein, nur weil ein Sys­tem sie elek­tro­nisch präsentiert. 

Aber könn­te eine der­ma­ßen dezente Mani­pu­la­ti­on bei Wett­kämp­fen wirk­lich den Aus­schlag geben? Das muss dif­fe­ren­ziert betrach­tet wer­den: Eine deut­li­che Unter­le­gen­heit könn­te in der Wer­tung tat­säch­lich wohl nur durch eine mas­si­ve, und damit zugleich auf­fäl­li­ge Mani­pu­la­ti­on ega­li­siert wer­den. Eine auf­fäl­li­ge Mani­pu­la­ti­on wäre aber zugleich eine miss­lun­ge­ne Manipulation. 

In der statistischen Streuung nicht erkennbar aber auf Dauer dennoch wirksam

Ein Bei­spiel macht es deut­lich: Wenn der gezink­te Wür­fel bei 100 Wür­fen 50 mal die »Sechs« anzeigt, wer­den alle Betei­lig­ten arg­wöh­nisch. Sta­tis­tisch zu erwar­ten ist näm­lich, dass er bei 100 Wür­fen etwa 16 oder 17 mal die »Sechs« anzeigt. Fällt bei 100 Wür­fen aber 20 oder 25 mal die »Sechs«, wird jeder das noch als unauf­fäl­li­ge Streu­ung anse­hen – eben eine Glücks­sträh­ne. Und tat­säch­lich: Auch ein nicht gezink­ter Wür­fel wird bei 100 Wür­fen gele­gent­lich auch 20 oder 25 mal die »Sechs« wür­feln kön­nen. Der gezink­te Wür­fel tut dies nur mit einer deut­lich höhe­ren Wahrscheinlichkeit. 

Erkenn­bar wird das aller­dings nur, wenn die Ver­suchs­rei­hen groß genug wer­den. Je dezen­ter eine Mani­pu­la­ti­on also ist, des­to eher bleibt sie unent­deckt – und unent­deckt zu blei­ben wird das pri­mä­re Ziel aller sein, die im Wür­fel­spiel betrü­gen wol­len. Die Mani­pu­la­ti­on am Wür­fel muss also so sein, dass sie sta­tis­tisch unauf­fäl­lig bleibt, wenn man nur eine begrenz­te Zahl von Ereig­nis­sen über­bli­cken kann. Damit ver­lö­re man ganz bestimmt auch mal meh­re­re Spie­le hin­ter­ein­an­der – aber über den län­ge­ren Zeit­raum hin­weg wür­de sich der dezent gezink­te Wür­fel eben doch durch­set­zen. Dies illus­triert, dass auch bzw. gera­de dezen­te Ein­fluss­nah­men Wir­kung haben könn­ten, aber eben kaum zu ent­de­cken sind. 

Über­tra­gen auf den Box­sport wür­de dies hei­ßen: Schwa­che Boxer*innen könn­ten also durch zurück­hal­ten­de und gera­de des­we­gen unauf­fäl­li­ge Ein­fluss­nah­men kaum an die Spit­ze des Medail­len­spie­gels eines Box­tur­niers gelan­gen, weil sie im Lau­fe eines Tur­niers auf Gegner*innen trä­fen, deren Über­le­gen­heit so deut­lich ist, dass zumin­dest dezen­te, also noch unauf­fäl­li­ge Bevor­tei­lun­gen ihnen in die­sen Kämp­fen nicht hel­fen können.

Anders sähe es hin­ge­gen bei star­ken Box­na­tio­nen aus: Wür­den star­ke Boxer*innen mit einem hypo­the­ti­schen gehei­men Vor­teil im Rücken Kämp­fe gegen offen­sicht­lich unter­le­ge­ne Gegner*innen gewin­nen, so wür­de es ins Bild der erkenn­ba­ren Über­le­gen­heit pas­sen. Drän­gen sie im Lau­fe des Tur­niers an die Spit­ze vor, wo sie mit höhe­rer Wahr­schein­lich­keit auf gleich­wer­ti­ge­re Gegner*innen tref­fen wür­den, so könn­te ihnen ein solch ange­nom­me­ner gehei­mer Vor­teil in den KI-prä­sen­tier­ten Aus­wer­tun­gen viel­leicht die ent­schei­den­den zwei, drei ver­meint­li­chen Tref­fer­wer­tun­gen mehr ver­schaf­fen, die zur Sie­gent­schei­dung füh­ren könn­ten – schließ­lich haben die Punktrichter*innen außer ihrer eige­nen vagen Beob­ach­tung und einem dar­aus resul­tie­ren­den eben­so vagen Bauch­ge­fühl kei­ne ande­re Ent­schei­dungs­grund­la­ge als das, was die KI ihnen anzeigt.

Kontrolle im Maschinenraum

Also hat man durch den Ein­satz von KI bei der Wer­tung von Box­wett­kämp­fen am Ende nichts gewon­nen, weil man das eine poten­zi­el­le Unheil ledig­lich durch das ande­re poten­zi­el­le Unheil ersetzt hat? Wo frü­her Punkt­rich­ter Wett­kampf­ent­schei­dun­gen mani­pu­lie­ren konn­ten, kann es in Zukunft die KI?

Ja, ein KI-gestütz­tes Wer­tungs­sys­tem könn­te grund­sätz­lich mani­pu­lier­bar sein, wenn sei­ne Trai­nings­da­ten, Modell­pa­ra­me­ter oder Ein­satz­vor­ga­ben gezielt ver­än­dert wer­den. Aber dar­auf soll­te es nicht redu­ziert wer­den. Es ist sicher­lich der rich­ti­ge Ansatz, die Punkt­wer­tung end­lich auf eine empi­ri­sche Grund­la­ge zu stel­len. Und KI dürf­te sich grund­sätz­lich dazu eig­nen, solch wenig nor­mier­ba­re und kom­ple­xe Vor­gän­ge wie einen Box­kampf auszuwerten. 

Man muss nur davor war­nen, den neu­en Mit­teln und Metho­den allein des­we­gen Neu­tra­li­tät zuzu­schrei­ben, weil sie sich zeit­ge­mäß modern dar­stel­len. Das wäre viel­leicht etwas naiv. In die­sem Zusam­men­hang sei dar­an erin­nert, dass sport­li­che Erfol­ge auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne in vie­len Staa­ten der Welt Teil der Außen­po­li­tik waren und immer noch sind. Medail­len brin­gen Pres­ti­ge. Dies gilt vor allem für die olym­pi­schen Sport­ar­ten, die alle vier Jah­re im Fokus der Welt­öf­fent­lich­keit stehen. 

Ob KI bei Wett­kampf­ent­schei­dun­gen im Sport ganz grund­sätz­lich ein mög­li­ches Ein­falls­tor für Mani­pu­la­tio­nen wer­den könn­te, dürf­te ganz wesent­lich von zwei Fra­gen abhängen:

  • Wer regelt und über­wacht das Trai­ning der KI? – Im Trai­ning erlernt die KI den Sport. Hier spie­len zunächst sport­fach­li­che Fra­gen eine gro­ße Rol­le. Doch auch schon hier dürf­te es mög­lich sein, Grund­la­gen zu denk­ba­ren Mani­pu­la­tio­nen zu legen.
  • Wer regelt und über­wacht den Ein­satz der KI? – Auch ein trai­nier­tes KI-Sys­tem ist nicht zwangs­läu­fig unver­än­der­lich: Sein Ver­hal­ten kann je nach tech­ni­scher Archi­tek­tur auch durch Modell­ver­sio­nen, Kon­fi­gu­ra­tio­nen oder Ein­satz­vor­ga­ben beein­flusst werden.

Auf die Kon­trol­le im Maschi­nen­raum wird es also maß­geb­lich ankom­men. Der Sport ist daher gut bera­ten, das Trai­ning der KI und ihren spä­te­ren kon­kre­ten Ein­satz bei Wett­kampf­ent­schei­dun­gen genau zu regle­men­tie­ren und zu über­wa­chen. Erst recht, wenn sie dort ein­ge­setzt wird, wo sie ihre Stär­ken hat: Näm­lich bei der Bewer­tung kom­ple­xer Sach­ver­hal­te. Denn die Kom­ple­xi­tät der durch sie zu bewer­ten­den Sach­ver­hal­te kann zugleich dazu füh­ren, dass bestimm­te Ein­grif­fe nicht ohne wei­te­res erkenn­bar werden.

Die Sponsoren der Boxabteilung des FC St. Pauli:

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