Olym­pi­sches Boxen: Kommt der Kopf­schutz für Män­ner wie­der zurück?

World Boxing nimmt Beratungen zum Kopfschutz auf

Zwei Kopfschützer in blauer und roter Farbe, wie sie im olympischen Boxen verwendet werden.

Der Kopf­schutz ist im olym­pi­schen Boxen ein durch­aus kon­tro­ver­ses und nicht enden wol­len­des The­ma. Auf dem zurück­lie­gen­den Welt­kon­gress von World Boxing (WB) im Novem­ber in Rom stand ein Antrag auf der Tages­ord­nung, die Fra­ge des Kopf­schut­zes in der Sport- und Wett­kampf­kom­mis­si­on als auch in der Medi­zi­ni­schen Kom­mis­si­on des Welt­ver­ban­des dis­ku­tie­ren zu las­sen – mit dem Ziel, die Ergeb­nis­se spä­ter dem Exe­ku­tiv­ko­mi­tee und dem Kon­gress vorzulegen.

Der Wort­laut des Antra­ges war zwar unbe­stimmt und sprach nur all­ge­mein vom »Kopf­schutz«, aber die kur­zen Wort­bei­trä­ge im Zusam­men­hang mit die­sem Antrag waren so zu ver­ste­hen, dass es dabei um eine mög­li­che Wie­der­ein­füh­rung des Kopf­schut­zes in Wett­kämp­fen der erwach­se­nen Män­ner geht.

Olym­pi­sches Boxen seit 1984 mit Kopfschutz

Rufen wir uns die Geschich­te des Kopf­schut­zes im olym­pi­schen Boxen in Erinnerung:

Die AIBA (frü­he­rer Ver­band des olym­pi­schen Box­sports) hat­te den Kopf­schutz vor den Olym­pi­schen Som­mer­spie­len 1984 in Los Ange­les ein­ge­führt. Anlass war eine wach­sen­de Debat­te über die »Bru­ta­li­tät« und die Risi­ken des Box­sports, die ins­be­son­de­re vom Tod des korea­ni­schen Pro­fi­bo­xers Kim Duk-Koo ent­facht wurde. 

Der 23-jäh­ri­ge Boxer ver­starb am 18. Novem­ber 1982 an den Fol­gen einer Hirn­ver­let­zung, die er sich fünf Tage zuvor bei einem Welt­meis­ter­schafts­kampf gegen den US-Ame­ri­ka­ner Ray Maci­ni in Las Vegas zuge­zo­gen hatte. 

Der Ring­rich­ter hat­te den auf 15 Run­den ange­setz­ten Titel­kampf am Beginn der 14. Run­de nach einem Nie­der­schlag durch TKO abge­bro­chen. Weni­ge Minu­ten nach dem Kampf kol­la­bier­te der Sport­ler und muss­te in ein Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert werden. 

Bei einer sofort ein­ge­lei­te­ten Not­ope­ra­ti­on stell­te man eine Hirn­blu­tung fest. Trotz des Ein­grif­fes ver­starb der Sport­ler fünf Tage spä­ter an den Fol­gen der im Kampf erlit­te­nen Verletzung. 

In Sor­ge, dass die auf­flam­men­de Dis­kus­si­on die Zukunft des Boxens als olym­pi­sche Sport­art gefähr­den könn­te, beschloss die AIBA, sich mit der Ein­füh­rung des Kopf­schut­zes noch deut­li­cher als bis­her vom Pro­fi­bo­xen abzugrenzen.

Abschaf­fung des Kopf­schut­zes 2013

Die Kopf­schutz­pflicht für die Wett­kämp­fe erwach­se­ner Män­ner währ­te etwa drei Jahr­zehn­te. Erst im Jahr 2013 (nach den Olym­pi­schen Spie­len 2012 in Lon­don) schaff­te die AIBA den Kopf­schutz ab.

»Es gibt kei­nen Beweis dafür, dass der Kopf­schutz zu einem Rück­gang von Gehirn­er­schüt­te­run­gen führt«, erläu­ter­te der Arzt Charles But­ler 2013, der damals der medi­zi­ni­schen Kom­mis­si­on der AIBA vor­stand. Er fährt fort: »1982, als die Ame­ri­can Medi­cal Asso­cia­ti­on den Box­sport ver­bie­ten woll­te, gerie­ten alle in Panik und beschlos­sen die Ein­füh­rung des Kopf­schut­zes, aber nie­mand unter­such­te, was der Kopf­schutz eigent­lich bewirkt.«

Im Wesent­li­chen wer­den drei Grün­de für die Abschaf­fung des Kopf­schut­zes genannt:

  1. Ver­grö­ße­rung der Tref­fer­flä­che: Der Kopf und der fest mit ihm ver­bun­de­ne Kopf­schutz bil­den in der Sum­me eine Tref­fer­flä­che, die grö­ßer ist als der blo­ße Kopf. Das sol­cher­ma­ßen ver­grö­ßer­te Ziel fan­ge auch mehr Tref­fer ein und die Ver­wen­dung des Kopf­schut­zes sei aus die­sem Grund kontraproduktiv.
  2. Ein­schrän­kung des Sicht­fel­des: Der Kopf­schutz behin­de­re ins­be­son­de­re die Sicht zu den Sei­ten. Durch die­se Ein­schrän­kung erken­ne man eini­ge Schlä­ge zu spät, um sie ver­tei­di­gen zu kön­nen. Auch dies ver­grö­ße­re die Zahl der Tref­fer und die Ver­wen­dung des Kopf­schut­zes sei aus die­sem Grund nachteilig.
  3. Ver­lei­tung zu einem ris­kan­ten Box­stil: Der Kopf­schutz wie­ge vie­le Athlet:innen in fal­scher Sicher­heit, die dazu füh­re, die Ver­tei­di­gung zu ver­nach­läs­si­gen. Es ent­wi­cke­le sich ten­den­zi­ell ein ris­kan­ter Box­stil, der eben­falls zu mehr Tref­fern füh­re. Die Ver­wen­dung des Kopf­schut­zes sei aus die­sem Grund fragwürdig.

Wäh­rend die­se drei oben genann­ten Grün­de alle­samt den Kopf­schutz letzt­lich als Nach­teil bzw. Risi­ko dar­stel­len, war – nicht in offi­zi­el­len State­ments, son­dern viel­mehr am Ran­de – oft noch ein Argu­ment ganz ande­rer Art zu hören: Die Athlet:innen und ihre Emo­tio­nen sei­en mit dem Kopf­schutz nur schwer erkenn­bar. Das ver­rin­ge­re die Attrak­ti­vi­tät des Sports für das Publi­kum, mit­hin also auch sei­ne Vermarktbarkeit.

Aktu­el­le Rege­lung zum Kopf­schutz im olym­pi­schen Boxen

Hin­sicht­lich der Ver­wen­dung des Kopf­schut­zes in Wett­kämp­fen des olym­pi­schen Box­sports gilt aktu­ell (Stand Janu­ar 2026):

  • Erwach­se­ne Män­ner bestrei­ten ihre Wett­kämp­fe stets ohne Kopfschutz.
  • Erwach­se­ne Frau­en müs­sen in Wett­kämp­fen immer einen Kopf­schutz tragen.
  • In den allen Nach­wuchs­al­ters­klas­sen (U13, U15, U17 und U19) müs­sen bei­de Geschlech­ter immer einen Kopf­schutz tragen.

Im Bereich des Deut­schen Box­sport-Ver­ban­des (DBV, in Deutsch­land der zustän­di­ge Ver­band für den olym­pi­schen Box­sport) dür­fen in nor­ma­len Ver­gleichs­wett­kämp­fen (also nicht bei Meis­ter­schaf­ten) Boxer:innen über Alters­klas­sen hin­weg gegen­ein­an­der kämp­fen, sofern der Alters­un­ter­schied zwi­schen bei­den Boxern bzw. Boxe­rin­nen 24 Mona­te nicht über­steigt und dar­über hin­aus die Gewichts­dif­fe­renz zuläs­sig ist. Die­se Regel ermög­licht also auch Wett­kämp­fe zwi­schen Boxer:innen der Alters­klas­se U19 und jun­gen Erwachsenen. 

Wenn sich in sol­chen Kämp­fen zwei männ­li­che Boxer begeg­nen, unter­liegt der älte­re Boxer eigent­lich ja nicht mehr der Kopf­schutz­pflicht. Im Sin­ne des Schutz­ge­dan­kens wer­den die­se Kämp­fe nach den Bestim­mun­gen der Alters­klas­se U19 aus­ge­tra­gen. Das heißt, dass auch der älte­re Boxer einen Kopf­schutz tra­gen muss.

Stu­die aus 2017 bestä­tigt Ein­wän­de gegen Kopfschutz

2017 bestä­tig­te eine Stu­die (Link öff­net neus Fens­ter) die drei oben auf­ge­führ­ten Grün­de, die 2013 für die Abschaf­fung des Kopf­schut­zes genannt wur­den (vgl. Loo­se­mo­re et al: Use of Head Guards in AIBA Boxing Tour­na­ments – A Cross-Sec­tion­al Obser­va­tio­nal Stu­dy, in: Cli­ni­cal Jour­nal of Sport Medi­ci­ne, Volu­me 27 – Issue 1, Janu­ar 2017). An ihr wirk­te unter ande­rem auch der ein­gangs zitier­te Arzt Charles But­ler mit, der damals die medi­zi­ni­schen Kom­mis­si­on der AIBA leitete.

Die Stu­die stell­te außer­dem her­aus, dass die ver­wen­de­ten Kopf­schüt­zer nicht geeig­net sei­en, die Mehr­zahl der leich­te­ren Schlä­ge zu dämp­fen, die zwar nicht zu Gehirn­er­schüt­te­run­gen oder gar zu einem KO führ­ten, aber wegen ihrer Häu­fig­keit trotz­dem eine Belas­tung bedeu­ten könn­ten. Hier emp­fahl die Stu­die, die Häu­fig­keit und Inten­si­tät sol­cher Tref­fer durch eine ange­pass­te tech­nisch-tak­ti­sche Aus­bil­dung der Boxer:innen zu reduzieren.

Tat­säch­lich hat­te die AIBA nach der Abschaf­fung des Kopf­schut­zes auch eine Kam­pa­gne mit dem Titel »Heads-Up!« gestar­tet, bei der die Ringrichter:innen in ver­stärk­tem Maß dar­auf ach­ten soll­ten, Kopf­stö­ße zu unter­bin­den. Die­se hat­ten näm­lich nach der Abschaf­fung des Kopf­schut­zes spür­bar zuge­nom­men, für eine stei­gen­de Zahl von Cut-Ver­let­zun­gen gesorgt und man­chen Kampf vor­zei­tig beendet. 

Schlä­ge zum Kopf (ob leicht oder hart) hat die Kam­pa­gne aller­dings nicht unter­bun­den. Das kann nicht über­ra­schen, denn schließ­lich ist der Kopf ein völ­lig regel­kon­for­mes Trefferziel. 

Neue Stu­die aus 2023 sieht die Fra­ge nicht hin­rei­chend erforscht

Ent­schie­den weni­ger klar äußert sich hin­ge­gen eine ver­gleichs­wei­se neue Stu­die (Link öff­net neu­es Fens­ter) aus dem Jahr 2023 (vgl. Don­nel­ly et al: A Sys­te­ma­tic Review and Meta-Ana­ly­sis Inves­ti­ga­ting Head Trau­ma in Boxing, in: Cli­ni­cal Jour­nal of Sport Medi­ci­ne, Volu­me 33 – Issue 6, Novem­ber 2023). 

Sie sieht im Box­sport grund­sätz­lich gro­ße Risi­ken, hält aber die belast­ba­re Daten­la­ge zur Effi­zi­enz des Kopf­schut­zes ins­ge­samt für unzu­rei­chend, um wirk­lich vali­de Aus­sa­gen machen zu können.

Die Autoren emp­feh­len daher in ihrer Schluss­fol­ge­rung: »Auf­grund der begrenz­ten und teil­wei­se unzu­ver­läs­si­gen Daten­la­ge zur Wirk­sam­keit von Kopf­schüt­zern soll­te sich zukünf­ti­ge For­schung auf deren tat­säch­li­che Bedeu­tung zur Reduk­ti­on von Kopf­trau­ma­ta konzentrieren.«

Genau die­se Emp­feh­lung könn­te nun der Anlass gewe­sen sein, war­um die Fra­ge des Kopf­schut­zes auf die Tages­ord­nung des neu­en Welt­ver­ban­des World Boxing genom­men wurde.

Aktu­el­le Kopf­schüt­zer des Box­sports wer­den leich­te Schlä­ge kaum dämpfen

 Die aktu­ell für Wett­kämp­fe des olym­pi­schen Boxens zuge­las­se­nen Kopf­schüt­zer sind ver­gleichs­wei­se fest und hart. Leich­te Schlä­ge kön­nen das Mate­ri­al der Kopf­schüt­zer kaum ver­for­men. Eine Ver­for­mung des Mate­ri­als wäre aber erfor­der­lich, um die Ener­gie der Schlä­ge zu dämpfen.

Eine stoß­ab­sor­bie­ren­de Wir­kung wer­den die Kopf­schüt­zer wahr­schein­lich nur bei star­ken Kraft­ein­wir­kun­gen ent­fal­ten, etwa wenn Boxer:innen durch einen Nie­der­schlag unkon­trol­liert zu Boden gehen und mit dem Kopf auf dem Ring­bo­den aufschlagen. 

Wenn es also stimmt, dass

  1. nicht nur har­te Wir­kungs­tref­fer eine neu­ro­lo­gi­sche Belas­tung dar­stel­len, son­dern auf lan­ge Sicht auch die Viel­zahl leich­te­rer Kopf­tref­fer pro­ble­ma­tisch wer­den kann, und 
  2. eine Ver­klei­ne­rung der »Tref­fer­flä­che Kopf« zu einer Ver­rin­ge­rung der Tref­fer führt,

dann hät­te der 2013 beschlos­se­ne Weg­fall der bis­lang im Box­sport ein­ge­setz­ten Kopf­schüt­zer eine gewis­se Plau­si­bi­li­tät: Ohne Kopf­schutz weni­ger Tref­fer, also auch eine gerin­ge­re Belastung.

Aller­dings stellt sich dann die Fra­ge, war­um der Kopf­schutz sei­ner­zeit nicht auch für Frau­en und in den Nach­wuchs­al­ters­klas­sen gestri­chen wur­de. Bei Bei­be­hal­tung des Kopf­schut­zes wären sie zu ihrem Nach­teil schließ­lich mehr Kopf­tref­fern aus­ge­setzt gewe­sen als die erwach­se­nen Männer. 

Man kann hier nur ver­mu­ten, dass die AIBA 2013 mög­li­cher­wei­se Bil­der blu­ten­der Frau­en und blu­ten­der min­der­jäh­ri­ger Boxer:innen ver­mei­den woll­te. Denn in der Tat stieg die Zahl blu­ten­der Cut-Ver­let­zun­gen nach dem Weg­fall des Kopf­sto­ßes spür­bar an. Das hät­te natür­lich auch die Kämp­fe der Frau­en und in den Nach­wuchs­al­ters­klas­sen betroffen. 

Vor allem die reich­wei­ten­star­ken Bou­le­vard-Medi­en hät­ten solch blu­ti­gen Bil­der womög­lich zum Anlass genom­men, den Box­sport wegen sei­ner Bru­ta­li­tät erneut an den Pran­ger zu stel­len. Dabei sor­gen Cut-Ver­let­zun­gen zwar oft für vor­zei­ti­ge Kampf­ab­brü­che, sind aber meist nur ein ver­gleichs­wei­se harm­lo­ses chir­ur­gi­sches Problem.

Kopf­schüt­zer im Tae­kwon­do sind völ­lig anders konstruiert

Die oft vor­kom­men­den leich­ten Schlä­ge wür­de viel­leicht nur ein Kopf­schutz dämp­fen kön­nen, der völ­lig anders kon­stru­iert ist als jene, die aktu­ell im Box­sport Ver­wen­dung finden. 

Hier lohnt viel­leicht der Blick auf einen andern Kampf­sport. Inter­es­san­ter­wei­se sind die im Tae­kwon­do ver­wen­de­ten Kopf­schut­ze tat­säch­lich völ­lig anders kon­stru­iert. Sie bestehen aus sehr wei­chem Poly­ure­than- oder Ethy­len-Vinyl­ace­tat-Schaum­stoff. In einem Tauch­bad wer­den die zuvor zum Kopf­schutz geform­ten Schaum­stoff­ker­ne mit einem fle­xi­blen Über­zug lackiert, damit Schweiß abge­wa­schen wer­den kann. 

Im Vor­der­grund steht bei die­sen Kopf­schutz­en die ener­gie­ab­sor­bie­ren­de Ver­form­bar­keit des Mate­ri­als: Tat­säch­lich kön­nen sie ohne Anstren­gung sehr leicht zwi­schen zwei Fin­gern ein­ge­drückt wer­den. Sie wir­ken also bereits bei rela­tiv gerin­gen Kraft­ein­tra­gun­gen (vgl. das Video https://​www​.you​tube​.com/​w​a​t​c​h​?​v​=​_​1​y​T​F​7​a​E​zkI). Damit dürf­ten sie auch bei leich­te­ren Schlä­gen einen dämp­fen­den Effekt haben.

Ein Kopfschutz, wie er im Kampfsport Taekwondo verwendet wird.
Nicht schön, aber in einer Hin­sicht viel­leicht inter­es­sant: Kopf­schüt­zer im Tae­kwon­do sind viel wei­cher als die­je­ni­gen, die im Box­sport ver­wen­det wer­den. Sie dürf­ten leich­te Schlä­ge daher ver­mut­lich bes­ser dämpfen.

Viel­leicht lohnt der Blick auf den Automobilbau

Mög­li­cher­wei­se soll­ten die Ent­wick­ler von Kopf­schüt­zern im Box­sport auf die Erkennt­nis­se im Auto­mo­bil­bau schauen:

Bis in die 1960er Jah­re wur­den im Auto­mo­bil­bau die Fahr­zeu­ge so kon­stru­iert, dass sie sich bei einem Unfall mög­lichst nicht ver­for­men. Damit gaben die­se Fahr­zeu­ge jedoch die Ener­gie des Auf­pralls nahe­zu unge­min­dert an die Insas­sen wei­ter, die dadurch einem hohen Ver­let­zungs­ri­si­ko aus­ge­setzt waren: Das Fahr­zeug war zwar nur wenig beschä­digt, aber die Insas­sen dafür umso mehr. 

1951 mel­de­te der Inge­nieur Béla Baré­nyi das Patent der Knautsch­zo­ne im Fahr­zeug­bau an. Er hat­te erkannt, dass es dar­auf ankommt, die Auf­prall­en­er­gie durch Ver­for­mung außen lie­gen­der Karos­se­rie­tei­le mög­lichst wirk­sam zu absor­bie­ren. Die sta­bi­le Fahr­gast­zel­le war nur noch der Kern des Fahr­zeugs und letz­te Bastion. 

Die Insas­sen erreich­te damit weni­ger Ener­gie, und ihr Risi­ko sank beträcht­lich. Mit die­ser bahn­bre­chen­den Wen­dung im Fahr­zeug­bau war das Fahr­zeug nach einem Umfall außen nun­mehr stark beschä­digt, aber die Insas­sen hat­ten gera­de dar­um bes­se­re Chan­cen, einen Unfall zu über­ste­hen. Die »Heck­flos­se« von Mer­ce­des (Mer­ce­des-Benz W 111) war 1959 der ers­te Wagen, in dem die­ses Kon­struk­ti­ons­prin­zip bei einem Seri­en­fahr­zeug zur Anwen­dung kam.

Das Bild zeigt einen Unfallwagen, der gegen einen Baum gefahren ist. Der vordere Bereich des Wagens ist stark beschädigt. Das Bild wurde mit Kpnstlicher Intelligenz erstellt.
Die Knautsch­zo­ne eines Pkw ist absicht­lich so kon­stru­iert, dass sie die kine­ti­sche Ener­gie des sich bewe­gen­den Wagens in Ver­for­mung umlei­tet. Die Insas­sen sind dadurch gerin­ge­ren Kräf­ten aus­ge­setzt und wer­den geschont. Lässt sich die­ser Ansatz auch für die Kon­struk­ti­on von Kopf­schüt­zern anwen­den? (KI-gene­rier­tes Symbolbild)

Knautsch­zo­nen auch bei Kopf­schüt­zern und Handschuhen?

Wenn man das Prin­zip von Knautsch­zo­ne und sta­bi­ler Fahr­gast­zel­le auf Kopf­schüt­zer über­trägt, müss­te es auch hier viel­leicht hei­ßen: Außen sehr viel wei­cher als bis­lang, aber erst innen so hart wie jetzt. 

Der außen lie­gen­de wei­che Bereich wäre auf Ver­form­bar­keit ange­legt und wür­de die leich­ten Tref­fer dämp­fen, der har­te Kern böte hin­ge­gen Schutz vor mas­si­ven Ein­wir­kun­gen wie etwa einem unkon­trol­lier­ten Sturz auf den Ringboden.

Wür­de die­ses Prin­zip nicht nur auf die Kopf­schüt­zer, son­dern auch auf die Hand­schu­he ange­wen­det wer­den, ist zu erwar­ten, dass sich die stoß­ab­sor­bie­ren­den Wir­kun­gen in gewis­sem Maße ver­stär­ken könn­ten – zum bes­se­ren Schutz der Boxer:innen.

Gelän­ge die Kon­struk­ti­on sol­cher Kopf­schüt­zer ohne rele­van­te Zunah­me des Volu­mens, so dürf­ten sie auch nicht mehr Tref­fer ein­fan­gen als die bis­he­ri­gen. Wären sie hin­ge­gen mit einem deut­li­chen Zuwachs im Volu­men ver­bun­den, müss­te geprüft wer­den, ob die mög­li­cher­wei­se grö­ße­re Zahl an Tref­fern den posi­ti­ven Effekt der bes­se­ren Dämp­fung egalisiert.

Letzt­lich ist alles eine Fra­ge der Ziel­set­zun­gen, der Ver­su­che mit neu­en Kon­struk­tio­nen und der phy­si­ka­li­schen Messungen.

Evi­denz­ba­siert nach Schutz suchen

Die wei­ter oben bereits erwähn­te Stu­die aus 2023 beklagt die »begrenz­te und teil­wei­se unzu­ver­läs­si­ge Daten­la­ge zur Wirk­sam­keit von Kopf­schüt­zern«. Man soll­te die­se Fun­da­men­tal­kri­tik an den bis­he­ri­gen Ver­su­chen, die Boxer:innen zu schüt­zen, viel­leicht zum Anlass neh­men, das gesam­te The­men­feld neu zu durch­den­ken und wis­sen­schaft­lich neu bzw. womög­lich über­haupt erst­ma­lig umfas­send auszuleuchten. 

Eine neue, auf nach­prüf­ba­re Fak­ten basie­ren­de Neu­be­wer­tung des Kopf­schut­zes soll­te dann auch unter­su­chen, ob es wirk­lich belast­ba­re Grün­de dafür gibt, bei der Fra­ge des Kopf­schut­zes erwach­se­ne Män­ner anders zu behan­deln als Frau­en und Nachwuchsboxer:innen. Tat­säch­lich fin­det man eini­ge Hin­wei­se (Link öff­net neu­es Fens­ter) dar­auf, dass Frau­en in die­ser Hin­sicht emp­find­li­cher sein könn­ten als Män­ner, also womög­lich schnel­ler Gehirn­er­schüt­te­run­gen erlei­den und auch etwas ande­re Sym­pto­me zei­gen. Doch wenn das stimmt und man zugleich dar­an fest­hält, dass das Boxen ohne Kopf­schutz weni­ger belas­tend ist als mit Kopf­schutz, dann stellt sich erst recht die Fra­ge, war­um Frau­en (und viel­leicht auch Jugend­li­che) den Kopf­schutz bis heu­te ver­wen­den müssen.

Bei der blo­ßen Wie­der­ein­füh­rung der alt­her­ge­brach­ten Kopf­schüt­zer käme man womög­lich ganz ein­fach vom Regen in die Trau­fe, hät­te also den Teu­fel mit dem Beel­ze­bub aus­ge­trie­ben. Dabei soll­te es viel­leicht dar­um gehen, zu prü­fen, was aktu­el­le Kopf­schüt­zer wirk­lich bewir­ken, und ob sich woan­ders bewähr­te phy­si­ka­li­sche Prin­zi­pi­en nicht viel­leicht auch bei Kopf­schüt­zern und Hand­schu­hen anwen­den lassen.

Die Spon­so­ren der Box­ab­tei­lung des FC St. Pauli: